"Mach Dich auf"

Dasselbe mal anders

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Keri Smith macht Leser mit "Mach Dich auf" zu freieren Menschen.

Ihr Buch „Mach dieses Buch fertig“ war ein Weltbestseller. Jetzt gibt es von der 1973 im kanadischen Toronto geborenen Autorin und Illustratorin ein neues Buch, das nicht nur zum Lesen da ist. Die Originalausgabe erschien unter dem Titel „The Wander Society“ im vergangenen Jahr in New York.

„Wandern“? Ja, wandern. Sie zitiert ausgehend von Walt Whitman fast jeden und jede, die sich über das Wandern ausgelassen haben. Auch Lexika. Da lernt man dann, dass „to wander“ mit „wandern“, wie ich es zum Beispiel an Wandertagen hassen lernte, nichts zu tun hat: „to wander: ungeplantes, zielloses Gehen, Erkunden, Schlendern mit vollkommener Offenheit für das Unbekannte“.

Es geht um das Erlernen und Trainieren von Aufmerksamkeit. Buchautorin Keri Smith weiß, dass man das üben kann, indem man nicht immer denselben Weg zur Arbeit nimmt oder aber, in dem man auf demselben Weg jeden Tag auf etwas anderes achtet. 

Als ich ein Junge war, habe ich Autos gezählt, später dann schöne Frauen. Heute durchhaste ich halbblind die vertrauten Wege. Das ist nicht nur dumm. Das macht auch dumm. Keri Smith empfiehlt ebenfalls das Aufgreifen von Talismanen. Nicht, weil sie an sie glaubt, sondern weil, wer nach einem Mitbringsel Ausschau hält, seine Umgebung intensiver wahrnimmt. 

Whitman hatte immer ein Notizheft dabei, das er sich mit ein paar Nadelstichen aus ein paar Blättern Papier selbst herstellte. Smith schreibt dazu: „Warum haben wir immer das Gefühl, wir müssten alles kaufen? Wir können doch bestimmt mehr. Etwas zum Nachdenken.“ Aber eben nicht nur. Smith liefert gleich eine Bastelanleitung mit. 

Die Aufmerksamkeit für das Unbekannte da draußen bewirkt eine Steigerung der Selbstwahrnehmung. Eine mystische Erfahrung, für die Smith aus Robert Walsers „Der Spaziergang“ zitiert: „Die Weltseele habe sich geöffnet und alles Böse, Leidvolle und Schmerzliche sei im Entschwinden begriffen, fantasierte ich ...“ 

Keri Smith predigt nicht. Sie zeigt, sie animiert. Sie spielt mit dem Thema. Sie spielt im Text, sie spielt mit dem Text, mit den Abbildungen, mit den Ideen und den Autoritäten. Sie tanzt zur Musik, und man möchte aufspringen und mit ihr tanzen. Man hat keine Angst mehr, sich zu blamieren. Keri Smith macht ihre Leser zu freieren Menschen. 

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