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Das soziale Virus der Einsamkeit

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Von: Ulrike Bahr

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In kaum einer Wohnung des Mehrfamilienhauses in Niedersachsen brennt Licht. Aufgrund der steigenden Energiepreise versuchen viele Menschen Strom zu sparen.
Wie viele wohl in diesem Haus alleine leben? © Julian Stratenschulte/dpa

Immer mehr Menschen leben isoliert – dagegen braucht es mehr vernetzte Strategien von Bund, Ländern und Kommunen. Der Gastbeitrag von Ulrike Bahr.

Ich glaube, ich werde einsam. Ich fange schon an, mit der Fliege an der Wand zu reden.“ Sätze wie diese lassen nicht unberührt. Sie können so oder so ähnlich von bald jedem zehnten Menschen in Deutschland über sich und das eigene Lebensgefühl ausgesprochen werden: Chronisch Erkrankte, Pflegebedürftige, Menschen mit einer Behinderung, mit wenig Geld, isoliert Wohnende und Lebende, Ältere wie Jüngere – von Einsamkeit sind Menschen aller Altersgruppen betroffen. Dabei verdienen vor allem die vulnerablen Gruppen im ganz jungen und hohen Alter Aufmerksamkeit: Sie sind häufiger krank, weniger mobil als andere und haben – zumal im Alter – weniger Einkommen. Verfestigt sich die Einsamkeit, kann das für die Betroffenen schwere gesundheitliche Folgen haben, die sich weiter verschlimmern, je länger Einsamkeit anhält.

Dieser Teufelskreis muss durchbrochen werden. Betroffene brauchen Unterstützung, um aus ihrer Vereinsamung herauszufinden. Dazu gilt es, die Betroffenen selbst, aber auch ihre Angehörigen und ihr Umfeld zu erreichen und zu stärken. Denn der Weg aus der Einsamkeit kann nur gemeinsam gefunden und gegangen werden.

Das gilt für das Leben jeder einzelnen betroffenen Person genauso wie für das gesamtgesellschaftliche Problembewusstsein für Einsamkeit. Die Ursachen von Einsamkeit sind komplex. Doch gibt es soziale Entwicklungen – vor allem die zunehmende Individualisierung und Urbanisierung – die zum Entstehen von Einsamkeit beitragen. Der Publizist Martin Hecht spricht von der „Einsamkeit in der Vereinzelung“ als einer „Art soziales Virus, das kollektiv über die gesamte Gesellschaft gekommen ist, seit diese in jenes Stadium eingetreten ist, das geprägt ist vom modernen Individualismus“. In Zeiten der Pandemie ist die Zahl der einsamen Menschen gestiegen, aber auch öffentlicher geworden. Einsamkeit ist längst kein Tabuthema mehr. Das zeigt auch die große Resonanz, die Daniel Schreibers „Allein“, ein sehr persönlicher Essay zu den verschiedenen Facetten der Einsamkeit, findet.

Andere Länder sind hier allerdings weiter als Deutschland: So hat England bereits seit 2018 ein eigenes Einsamkeitsministerium, Japan seit 2021. Auch Deutschland sollte mehr öffentliche Verantwortung für einsame Menschen übernehmen – zumal es hierzulande eine enorme Vielfalt an sozialen, kirchlichen und zivilgesellschaftlichen Einrichtungen gibt, die im Kampf gegen Einsamkeit unterstützen können.

Mit der Gründung eines nationalen „Kompetenznetzes Einsamkeit“ hat die Bundesregierung die Grundlage dafür geschaffen, Maßnahmen gegen Einsamkeit und soziale Isolation zu entwickeln. Durch Forschung, Projektförderung und gezielte Öffentlichkeitsarbeit will das Kompetenznetzwerk dem Einsam sein und Einsam werden entgegenwirken. Flankiert wird dessen Arbeit vom Bund: Aktuell gibt es 140 vom Familienministerium angestoßene Projekte gegen Einsamkeit und Isolation im Alter, weitere 80 sollen gefördert vom Europäischen Sozialfonds noch hinzukommen. Zielgruppe sind vor allem Hochbetagte, aber die Projekte richten sich auch an jüngere Ältere im Übergang in den Ruhestand.

Dahinter steht die wichtige Erkenntnis, dass Einsamkeit nicht zwangsläufig und aus „heiterem Himmel“ eintritt – sie baut sich nach und nach auf. Es ist wie beim lebensbegleitenden Lernen: Wer nie Lernfreude und Lernbereitschaft entwickeln konnte, hat es im Alter besonders schwer, hier noch Zugänge zu finden. Wer keine Erfahrungen damit hat, Kontakte zu knüpfen und Netzwerke aufzubauen, wird auch als alter Mensch und in persönlichen Krisen stärker von Einsamkeit betroffen sein.

Zum Lernen ist es allerdings nie zu spät. Und Unterstützung und Begleitung kann für jeden Menschen wichtig werden, für von Einsamkeit Bedrohte wie von Einsamkeit Betroffene. Einige Landesprogramme haben erfolgversprechende Lösungen entwickelt: In Rheinland-Pfalz bietet das Programm Gemeindeschwester Plus, in Hamburg der „Hamburger Hausbesuch für Seniorinnen und Senioren“ gute Ansätze mit hauptamtlichen Kräften. Der Landesverband Niedersachsen des Sozialverbandes Deutschland zeigt aktuell mit seiner Kampagne „Gemeinsam gegen Einsam“ Wege auf, wie auch Ehrenamtliche in der Nachbarschaftshilfe den Zugang zu vereinsamten Menschen finden können.

Mit vielfältigen Instrumenten als Querschnittsaufgabe in vielen Ressorts wird der Kampf gegen Einsamkeit letztlich erfolgreich sein können. Die eine „Bundesstrategie gegen Einsamkeit“ braucht viele zielgerichtete Strategien in allen Kommunen deutschlandweit. Für dieses Gemeinschaftswerk ist es jetzt höchste Zeit.

Ulrike Bahr ist SPD-Abgeordnete im Deutschen Bundestag und leitet den Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.

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