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Das Glas ist halbvoll

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Von: Kristina Dunz

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Deutschland darf beim Kampf gegen die Pandemie nicht erneut Erfolge fahrlässig verspielen.
Deutschland darf beim Kampf gegen die Pandemie nicht erneut Erfolge fahrlässig verspielen. © Annette Riedl/dpa

Neuinfektionen sinken, die Impfquote steigt. Doch die Corona-Krise ist nicht vorbei. Deutschland darf beim Kampf gegen die Pandemie nicht erneut Erfolge fahrlässig verspielen. Der Leitartikel.

Das vielbeschworene Licht am Ende dieses elendig langen und düsteren Corona-Tunnels ist da, die Zahl der Neuinfektionen sinkt, die Impfquote steigt, die Teststrategie funktioniert. Die Hoffnung auf einen vergleichsweise unbeschwerten Sommer sowie sogar auf Urlaubsreisen ist ganz im Gegensatz zum Vorjahr berechtigt. Der Öffnungszug nimmt Fahrt auf, die Bundesnotbremse – jenes so mühsam von Bund und Ländern geschnürte Maßnahmenbündel zur Eindämmung der Pandemie – soll am 30. Juni deaktiviert werden.

Haben wir es geschafft? Die Antwort nervt, sie stört, und sie kippt Wasser in den Wein: Nein, das Coronavirus ist weiterhin unter uns, es wartet nur auf Fehler, es gibt noch keine Rückkehr zur alten Freiheit. Aber das Gute ist: Es gibt eine neue Freiheit. Eine, die wir genießen wie lange nicht oder noch nie. Auch wenn sie noch eingeschränkt ist. Das Glas ist nicht halbleer, sondern halbvoll.

Wahrhaft zur Schule gehen, die ersten leibhaftigen Treffen im kleinen Freundeskreis, das erste Bier im Biergarten, der Kaffee im Café. Die Vorfreude auf die erste Umarmung der Eltern und Großeltern, wenn alle geimpft sind. Wie schmerzlich das alles gefehlt hat! Das echte Leben eben. Es tut sich aber eine noch alles entscheidende Lücke bis zum Sieg über die Pandemie auf. Bis jetzt sind lediglich 18 Prozent der Menschen in Deutschland vollständig geimpft. Um die Pandemie wirklich im Griff zu haben, müssen es 80 Prozent sein. Das ist bis zu den ersehnten Sommerferien, bis zum Auslaufen der Bundesnotbremse Ende Juni nicht zu schaffen. Eine Erstimpfung darf nicht darüber hinwegtäuschen: Sie schützt vor Corona nicht vollständig. Also muss es bei den Vorsichtsmaßnahmen bleiben: Masken, Abstand, Tests.

Das erfordert Fehleranalyse und Einsicht und Disziplin einer erschöpften Gesellschaft. Bisher hat Deutschland Erfolge bei der Pandemiebekämpfung fahrlässig verspielt, weil Dämme zu früh brachen. Das darf jetzt nicht wieder passieren – vor allem ihretwegen: wegen der jungen Menschen. Sie haben über ein Jahr auf vieles verzichtet, was den Start in die Zukunft ausmacht. Sie konnten sich nicht ausprobieren, Freiheit nicht entdecken, eine unbeschwerte Kindheit und Jugend sieht anders aus.

Priorität hatten die Alten, die Verletzlichen, die Kranken. Das war wichtig und solidarisch. Aber jetzt sind sie dran, die Schülerinnen und Schüler. Im vorigen Sommer wurde verschlafen, die Schulen für Präsenzunterricht zu präparieren und zugleich die Voraussetzungen für digitales Homeschooling zu schaffen, das alle Kinder erreicht. Und diesmal ist klar, dass die Impfungen der 12- bis 18-Jährigen nicht mit Beginn des neuen Schuljahres abgeschlossen sein werden, womöglich noch nicht einmal begonnen haben.

Diese junge Generation wird auch das noch schultern. Ein Teil wird vielleicht noch kein Freischwimmerabzeichen haben, weil die Schwimmbäder geschlossen waren. Aber in puncto Krisenreaktion haben sie sich in Corona-Zeiten freigeschwommen.

Für ihren Verzicht über etliche Monate müssen sie jetzt von jenen, für die sie zurückgesteckt haben, etwas zurückbekommen. Rücksicht, Solidarität. Das heißt, es muss verhindert werden, dass es doch noch zu einer vierten Corona-Welle kommt, weil gefährliche Mutationen schneller als der Impffortschritt sind.

Kanzlerin Angela Merkel täuscht sich in der Annahme, dass die Bundesnotbremse „jederzeit“ reaktiviert werden kann, wenn die Inzidenzwerte durch Mutationen wieder über den kritischen Wert steigen. Bund und Länder waren über viele Wochen nicht zu einer gemeinsamen Strategie in der Lage und haben wertvolle Zeit verplempert. Das Vertrauen, das sich das nicht wiederholt, ist gering. Erst recht im Wahlkampf.

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