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Darf Satire wirklich alles?

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Von: Jörg Thadeusz

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"Je suis Charlie": Die Menschen gedenken der Toten des 7. Januar.
"Je suis Charlie": Die Menschen gedenken der Toten des 7. Januar. © rtr

Kurt Tucholsky hat die Frage, die heute wieder brennend aktuell ist, schon einmal eindeutig beantwortet: "Was darf die Satire? Alles." Darf Satire wirklich alles? Die wöchentliche Kolumne von Jörg Thadeusz.

Bei Satire hört in Deutschland der Spaß auf. Ein Satiriker macht nicht einfach Witze. Er dünkelt mit anderen Geistesgermanen. Mit aufgeblasenen Kulturkritikern, die 800-seitige Autobiografien vorlegen. Edelfedern der Wochenzeitung „Die Zeit“, deren Position mit einem unverständlichen Fremdwort benannt ist. Universumsweit bedeutsame Theaterschaffende. Irgendwo dazwischen: der Satiriker.

Ich durfte mich selbst so nennen lassen. In viel zu schnell vergangenen drei Jahren war ich der Moderator des ältesten Satiremagazins im deutschen Fernsehen: „Extra3“ im NDR. Wären Schaumbäder nach großen Gehässigen genannt, ich hätte nur in „Tucholsky“ oder „Ringelnatz“ gesessen. Jedes Blubbern der Seifenblasen hätte ich an mich persönlich adressiert betrachtet.

Der Komiker blödelt, aber der Satiriker klugt. Jede Alltagsäußerung ein Bonmot. Immer mit enormem Hintersinn, das versteht sich von selbst. Anders als der Unterhalter, muss der Satiriker nicht amüsieren. Sondern kann immer noch behaupten, sein Beitrag sei zwar nicht lustig, brillant oder geistreich, dafür aber „wichtig“.

Dieses Phänomen kennen Sie womöglich von Liedermachern. Wenn Konstantin Wecker klavierklimpernd motzt und schnauft, ist das nie schön. Aber aus Sicht mancher Menschen eben wichtig.

Eher weniger als alles

Satire darf in Deutschland eigentlich alles. Wenn daraus eher wenig wird, hat das vor allem mit denen zu tun, die den Titel ‚Satiriker‘ so sehr genießen.

Dieter Nuhr hat es durchaus mit dem angeblichen Tabu versucht und sich des Islams angenommen. „Wenn man nicht wüsste, dass der Koran Gottes Wort ist, könnte man meinen, ein Mann hätte ihn geschrieben“, hat er gesagt. Wäre da ein Eiferer gekommen und hätte deswegen einen Anschlag auf Nuhr vorgeschlagen, wäre dem zuständigen fundamentalistischen Imam vermutlich vor Lachen die Schnapsflasche aus der Hand gefallen.

Solidarität gibt es unter den Überspitzern offenbar nicht. Denn der Satire-Rentner Henning Venske nannte Dieter Nuhr anschließend einen „neoliberalen Mittelstandshumoristen“. Was man Venske nicht weiter übelnehmen kann. Denn er hat, wie andere, Satire immer nur als verlängerten Arm der Sozialdemokratie verstanden. FDP-Witzchen und ganz viel Ätschibätsch. Die Überzeugten überzeugen und bei einem Gewerkschaftstag einheizen.

Carolin Kebekus hat sich im Sommer 2013 mit einem liebevoll gemachten Video der katholischen Kirche angenommen. Darin leckt sie, als Nonne verkleidet, an einem Kruzifix. Das war dann aber zu viel für die Courage der zuständigen Redakteure beim WDR. Den Spot gab es im Fernsehen nicht zu sehen. Zum Glück aber im Netz.

Es hat niemand etwas gegen Satire, sagen Beschwerer gern. Nur Vorsicht mit den religiösen Gefühlen. Herabwürdigung eines CDU-Politikers oder ein Nazi-Vergleich? Kein Problem. Aber bitte nichts gegen Minderheiten. Denn die haben es doch schon so schwer. Denen geht es besser, wenn sie von Spott verschont, aber dafür ganz fest bemuttert werden.

Satire sollte in Deutschland alles dürfen. Nur sich bitte jetzt nicht mit denen vergleichen, die in Frankreich ihre unerschrockene Konsequenz mit dem Leben bezahlt haben.

Jörg Thadeusz ist Moderator.

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