Kolumne

Danke für den Abend, Alter!

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"Events" und "Meet and Greet" sind meist nur schwer erträglich. Es sei denn, man trifft einen besonderen Gast. Die Kolumne.

Eigentlich mag ich weder Hunde noch „Get-together“. Es gibt ja Menschen, die ständig solchen Veranstaltungen beiwohnen. Sie nennen sie „Events“ und übertreffen sich gegenseitig und unaufhörlich im „Meet and Greet“. Ich halte nichts davon. Deswegen bin ich ein miserabler Smalltalker und spreche nur, wenn es etwas zu sagen gibt, und lache nur, wenn ich einen Grund dafür sehe.

Dennoch bin ich unlängst mal wieder hin, weiß der Teufel warum eigentlich. Ein nobles Viertel, große Glasfronten, drinnen helles Licht. Schon von draußen konnte ich die Geladenen meeten und greeten sehen, sie standen da, lachten viel und falsch und hielten sich an ihren Proseccogläsern fest. Ich wollte sofort wieder umkehren, warum ich es nicht tat, weiß ich nicht mehr. Ich also hinein.

Drinnen hingen in langer Reihe Mäntel, allesamt teure. Daneben standen in langer Reihe Menschen, allesamt wichtige. Sie bildeten eine etwa dreißig Meter lange Warteschlange, denn gerade gerade erst war das Buffet eröffnet worden.

Ich kenne diesen Zeitpunkt von früheren Besuchen solcher Veranstaltungen, er ist der ideale für Trinker, denn die Bar ist dann nahezu verwaist. Ich also hin. Der Weißwein war kühl und passabel. Nach anderthalb Stunden, die ich mit der Abwehr von Gesprächsversuchen verbrachte, war der Buffetraum wieder begehbar.

Plötzlich stand ich sogar alleine vor wieder prall gefüllten Schüsseln, Schalen und Platten. Draußen hielt irgendwer irgendeine Rede, ich legte ein halbes Ei mit einem Remouladetupfen auf meinen Teller, zwei Fleischbällchen, eine Bockwurst und eine Brezel.

Ich ließ mich nieder auf einen Hocker neben den Hähnchenflügeln, suchte gerade nach einem Abstellfleck für mein Weinglas – und fühlte mich plötzlich beobachtet. Aber von wem und von wo?

Suchend sah ich mich um und blickte mit einmal in zwei riesige traurige alte Augen. Sie gehörten einem für dieses Ambiente erstaunlich ungepflegten Alten, der offensichtlich in seinem Leben schon viel durchgemacht hatte. Er lag neben dem Durchgang zum Buffet, etwa acht Meter von mir entfernt.

Ich nickte ihm freundlich zu, er nickte müde zurück. Ich erhob mein Glas zum Prost, doch er bedeutete mir, dass er sich nichts aus Alkohol mache. Ich rückte mit meinem Hocker näher an ihn heran, und unversehens fanden wir uns in einer munteren, wortlosen Plauderei wieder.

Man nenne ihn Sam, raunte er mir schweigend zu, er sei etwa 107 Menschenjahre alt und fühle sich hier genau wie ich reichlich deplatziert. Aber was wolle man machen. So sprachen wir über dieses und jenes, Sam hatte viel erlebt. Wir teilten uns drei Bockwürste, ich trank vier Gläser Wein, Sam begnügte sich mit etwas Wasser.

Als er mich darum bat, hatte ich entschuldigend gesagt, dass die hier nur sündhaft teures italienisches hätten. Sam raunzte trocken: „Drauf geschissen, das saufe ich auch“, worauf wir beide lange lauthals lautlos lachten. War das ein Spaß!

Als die Ersten den zweiten Hunger verspürten und wieder den Raum betraten, kamen wir schweigend überein, unser Miteinander zu beenden. Ich suchte meinen Mantel, zog ihn an, ging zur Tür und spürte wieder Sams Blick. Ich drehte mich um und sah wieder in diese Augen – doch nun ein gutes Bisschen weniger traurig. Danke für den Abend, Alter!

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