Kolumne

Der Dämon

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Ein Zucken, ein Augenrollen, eine Ohnmacht: Was ist mit dem Kind geschehen? Szenen einer unruhigen Nacht. Die Kolumne.

Der Alptraum beginnt an einem Abend im November, gegen neun, das ist der Zeitpunkt, an dem normalerweise Ruhe einkehrt und wir Eltern auf die Couch fallen. Als meine Tochter nebenan weint, springt mein Mann auf. Ich wische weiter auf meinem Handy herum, ich mache mir keine Sorgen, es ist nichts Besonderes, dass sie aufwacht. Meistens hat sie Durst oder schlecht geträumt, sie nimmt einen Schluck aus ihrer Wasserflasche und schläft weiter.

Diesmal nicht. Wenige Sekunden später ruft mich mein Mann, seine Stimme klingt fremd. Er hält meine Tochter im Arm, ich erkenne sie nicht, ihr Körper glüht und zuckt, ihre Haut um den Mund wird blau, es tritt etwas Weißes heraus. Dann rollen ihre Augen nach hinten und sie wird bewusstlos.

Mein Mann ruft: „Sie stirbt, sie stirbt, ruf den Krankenwagen!“ Ich starre auf meine Tochter und den Dämon aus der Unterwelt, der sie befallen hat, ich höre, was mein Mann sagt. Die Worte machen keinen Sinn. Wer stirbt? Ist das ein Fieberkrampf?

Davon habe ich gelesen. Mein Mann redet leise mit der Kleinen, sie reagiert nicht auf Ansprache, in den Augen sieht man nur das Weiße. Ein Krankenwagen! Mir fällt die Nummer nicht ein, ich muss Krankenwagen googeln. „Halten Sie Ihre Tochter im Arm senkrecht, es kommt gleich jemand“, sagt die Stimme, als ich den Notruf gewählt habe. Ich nehme meine Tochter, sie fühlt sich tonnenschwer und leblos an. Ich flüstere ihren Namen. Ich fühle mich, als würde ich die Treppen herunterstürzen und nie unten ankommen.

Wenig später sitzen die Sanitäter in unserem Wohnzimmer, zwei Männer, eine Frau, sie schließen meine Tochter an einen Monitor an und reden gleichzeitig auf mich ein: Wie lang dauerte der Krampf, wann hat sie fiebersenkende Mittel bekommen, welche Medikamente noch, Salbutamol, Flutide, Pari-Boy, Vortex?

Sie wirken ungeduldig, als ich nicht sofort antworte. Ich schaue auf meine Tochter. Sie liegt matt in meinem Arm. Schwer zu sagen, wie lange der Krampf gedauert hat. Vielleicht waren es Jahre, vielleicht wenige Minuten. Der Sanitäter zieht eine Kanüle mit Ibuprofen auf. Als meine Tochter den Mund öffnet und die Medizin ohne Anstalten schluckt, möchte ich losheulen.

Krampf ist ein harmloses Wort, man denkt an einen Schmerz im Muskel. Mal wieder Magnesium nehmen. Fieberkrämpfe betreffen drei bis fünf Prozent aller Kinder, sie treten bei Infektionskrankheiten zwischen dem sechsten Monat und dem fünften Lebensjahr auf, meist zwischen eins und drei, werde ich später im Internet bei der Deutschen Gesellschaft der Kinder- und Jugendärzte lesen. Meistens sind sie ungefährlich und nach wenigen Minuten vorbei.

Es ist halb zwölf, Neonlicht flimmert von der Decke der Kinderrettungsstelle. Meine Tochter liegt auf einer Trage, am Finger ein Sensor, der mit dem Monitor verbunden ist, im Arm steckt eine Kanüle. Ihr Brustkorb hebt und senkt sich regelmäßig. Ich halte ihre Hand, als könnte sie mir sonst weggenommen werden.

Die junge Ärztin sagt: „Wir sind voll, Ihre Tochter wirkt stabil, Sie dürfen nach Hause.“ Ich wecke sie auf, ziehe ihr die Jacke an. Ich suche nach den Schuhen, kann sie nicht finden. Die habe ich vor lauter Aufregung zu Hause vergessen.

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