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Daniel Hartwich und Sonja Zietlow moderieren das "Dschungelcamp".

Dschungelcamp

Das dämliche Klischee vom gefährlichen Urwald

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Absurder Fernsehklamauk aus einem Dschungelcamp könnte als Verleumdung strafbar sein - wegzappen ist eine Lösung. Die Kolumne.

Kaum hat das Jahr begonnen, startet eine neue Verleumdungskampagne. Das Strafgesetzbuch bleibt aber komischer Weise in der Schublade. Dabei regelt Paragraph 187 ausdrücklich, dass sogar Freiheitsstrafen verhängt werden können gegen den, der wider besseres Wissen eine unwahre Tatsache behauptet oder verbreitet, welche einen anderen verächtlich zu machen oder in der öffentlichen Meinung herabzuwürdigen geeignet ist. 

Dass es sich beim Täter um einen privaten Fernsehsender handelt, müsste eigentlich sogar strafverschärfend wirken, weil die Tat öffentlich erfolgt. Strafverfolgung scheitert hier wohl daran, dass das Opfer keine Rechtsperson ist, noch nicht einmal eine Person, sondern der Regenwald. Und der ist eigentlich nicht besonders gefährlich, sondern eher besonders gefährdet.

Was den Aufenthalt dort für die publikumssüchtigen Damen und Herren, die sich als Stars bezeichnen, so ekelhaft macht, kann man nicht dem Dschungel anlasten. Geschlechtsteile von Kängurus und Krokodilen spielen bei der Ernährung dort sonst, im richtigen Leben, keine Rolle. Und Insektennahrung mag manchem deutschen Magen fremd sein, ist aber in vielen Teilen der Welt eine sehr wichtige Quelle für tierisches Eiweiß. 

Richtig lustig ist, dass darunter auch Mehlwürmer sind. Diese Larven des Mehlkäfers kommen sicher nicht im Urwald vor, sondern gern in menschlicher Umgebung, in den trocken-warmen Vorratskisten für Getreideprodukte wie Mehl. Und sie sind in der so sauberen Schweiz seit 2017 als Lebensmittel zugelassen.

So ein Dschungel kann schon echte Gefahren bergen. Das haben die US-Soldaten grausam erfahren müssen in Korea und Vietnam. Aber da waren sie Eindringlinge, es herrschte Krieg und die Gefahr ging von anderen Menschen aus. Im Fernsehcamp machen sich Egomanen und Hysteriker vielleicht gegenseitig das Leben schwer, weil es dort sonst keine Probleme gäbe.

Sogar die tapfere Frau, die vor 47 Jahren als einzige Passagierin einen Flugzeugabsturz in Peru überlebte und sich dann zehn Tage durch den Urwald kämpfte, bevor sie auf Menschen stieß, setzt sich noch heute für den Schutz der Tropenwälder ein, statt diese zu fürchten oder gar zu hassen.

Der moderne Tourismus hat den Regenwald als attraktive Destination längst entdeckt. Was gibt es da für wunderbare Dschungelcamps, in denen die Touristen nachts die Froschrufe und tagsüber die Vogelstimmen genießen. Und sich überwältigen lassen können von der Fülle und Schönheit der Formen und Farben der Natur. 

Als Alexander von Humboldt und sein Begleiter Aimé Bonpland ein solches Ökosystem zum ersten Mal betraten, fürchteten sie, überwältigt von der Üppigkeit des Lebens, von Sinnen zu kommen, wenn diese Wunder nicht bald aufhören. Gerade deswegen riefen diese beiden wirklichen Stars aus der Sparte Wissenschaft und Reisen nach niemandem, der sie rausholen sollte. 

Eine Anzeige gegen den Privatsender wegen Verleumdung des Regenwaldes ist wohl auch chancenlos, weil sich das Ganze selbst bei ganz oberflächlichem Hingucken als heilloser Unsinn und absurder Klamauk erkennen lässt. Aber in Zeiten, in denen so vieles für bare Münze genommen wird, das sogar zu schlecht gemacht ist, um als Fiktion durchzugehen, schadet es nicht, den Wahrheitsgehalt nicht ganz aus dem Auge zu verlieren. Oder einfach weg zu zappen.

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