Kolumne

Daddeln mit Heizung

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Einkaufszentren sind nicht beliebt. Aber es kann dort sehr gemütlich sein. Und man muss nicht mal Geld ausgeben.

Ich shoppe nicht gerne. Wenn mir ein Kleidungsstück gefällt, kaufe ich es gleich mehrmals, um mir so viele Einkaufstouren wie möglich zu ersparen.

Dabei spielt es keine Rolle, ob ich in einem Geschäft oder im Internet einkaufe. Onlineshopping hat den Ruf, schneller und bequemer zu sein. Das kann ich so nicht bestätigen. Wenn man in den drei Minuten der Lieferung nicht zu Hause ist, kann es richtig unbequem werden. Entweder man steht Schlange in der Post oder – für uns Berliner noch schlimmer – man muss bei den Nachbarn klingeln und mit ihnen reden.

Außer Socken muss ich außerdem fast alles wieder aufwendig zurücksenden. Mein Körper scheint Modedesigner zu überfordern, weil er verrückterweise Schultern hat, Brüste und Oberarme. Das ist in der Damenoberbekleidung so nicht vorgesehen.

Zum Glück wohne ich in einer Stadt mit sehr vielen Einkaufsmöglichkeiten, von denen immerhin ein paar auch Kleidung für Menschen mit Schultern anbieten. Es gibt die großen Haupteinkaufsstraßen, die Viertel mit den kleinen und die Viertel mit den teuren Boutiquen. Außerdem gibt es mittlerweile fast 70 Einkaufszentren, die alle ähnlich aussehen, alle ähnlich heißen und alle ähnlich unbeliebt sind. „Wie viele Shoppingcenter bekommt Berlin denn noch“, heißt es regelmäßig, wenn wieder ein neues eröffnet wird.

Die Malls, Center und Arcaden dieser Stadt sind keine Sympathieträger. Ihnen wird vorgeworfen, dass sie kleine Geschäfte verdrängen, uniform sind und auch keine Orte der Kommunikation. Ich kann alle Kritikpunkte verstehen, beobachte aber in letzter Zeit eine Veränderung, die mich ein bisschen umdenken lässt.

Ich wohne in der Nähe des „Gesundbrunnen Centers“, das aussieht wie ein überdimensionierter Dampfer. Sollte es wieder zu einer Sintflut kommen, empfehle ich Ihnen also, sich dort paarweise einzufinden. Vor einiger Zeit wurde das Center umgebaut, renoviert und in den Gängen wurden nun großzügig Sessel, Couches sowie Steckdosen zum Aufladen von Handys verteilt.

Ich habe anfangs viele Witze über das neue „Coworking Space Gesundbrunnen Center“ gemacht und mich gefragt, wer denn bitteschön in solchen Einkaufsmalls chillt. Nach ein paar Monaten muss ich sagen: ganz schön viele.

Die Sitzplätze sind immer belegt mit quatschenden, lesenden, essenden, trinkenden und am Smartphone daddelnden Menschen. Ich habe sogar schon Leute an Laptops schreiben sehen, so viel also zum Coworking Space. Es wird jedenfalls erstaunlich gut angenommen und dadurch mehr zu einem sozialen Treffpunkt, als ich es je für möglich gehalten hätte.

Dem Straßenbild zuträglicher wären natürlich Cafés auf schönen Plätzen, in denen man zusammenkommt und Kaffee trinkt. Aber in Shoppingcentern können Menschen im Warmen unter Leuten sitzen, ohne dabei zwangsläufig Geld ausgeben zu müssen. Damit bieten sie Teenagern, Armen und Einsamen etwas, das der öffentliche Raum so leicht leider nicht schafft. Das darf man bei aller Konsum- und Architekturkritik nicht unterschätzen.

Mir persönlich kann das sowieso nur recht sein. Je mehr Menschen in Einkaufszentren shoppen, desto seltener muss ich zu Hause schnell in eine richtige Hose schlüpfen, um deren Pakete mit Onlinebestellungen stellvertretend in Empfang zu nehmen.

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