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In der Corona-Krise spiegelt sich wider, was wir Menschen mit dem Globus angestellt haben.

Die Welt nach Corona - Gastbeitrag

Nach Corona: Das Wir macht die Welt

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In der Corona-Pandemie zeigt sich: Unser Verständnis kollektiver Bedürfnisse wird sich wandeln müssen – hin zu einer gerechten, weniger zerstörerischen Globalisierung.

Im Zeitalter der Globalisierung ist die Corona-Krise das erste Ereignis, das auch wirklich globale Auswirkungen hat. Vom Künstler in New York, dem Journalisten in Berlin, dem Schauspieler in Athen bis zum Fotografen in Gaza – die Emotionen meiner Freunde flimmern in Echtzeit über den Bildschirm meines Smartphones, jede davon einzigartig – aber alle beschäftigen sich mit dem gleichen Problem.

In Kenia ist mein Freund – ein Bootsmann – in Lamu ebenso eingesperrt wie ich in London; seine Moschee ist ebenso geschlossen wie meine Nachbarschaftskirche. Auf die Frage „Wie geht es Dir?“ antwortet er per WhatsApp mit einem einzigen Emoji: einem Anker.

Bald wird die erste Welle der Pandemie abklingen. Aber die wirtschaftlichen und geopolitischen Auswirkungen werden wahrscheinlich extrem tiefgreifend sein. Denn wie uns das kleine Einmaleins des Marxismus lehrt, ist die Quelle aller Werte die menschliche Arbeit.

Die Grundlagen des Kapitalismus beruhen auf unserem gewohnheitsmäßigen Zwang zur Arbeit: Wir schleppen uns aus dem Bett, quetschen uns in eine U-Bahn, stellen uns an einer überfüllten Kaffeebar an und lassen unsere physische Anwesenheit an einem Arbeitsplatz registrieren, bis unsere Stunden oder Aufgaben abgearbeitet sind.

Coronavirus: Größter Einbruch von Angebot und Nachfrage seit Depression

Das Coronavirus zwingt uns nun, nicht zu arbeiten. Schlimmer noch. In einem Wirtschaftsmodell, das offensichtlich und umfassend auf Konsum ausgerichtet ist, waren oder sind wir gezwungen, uns von Kneipen, Theatern, Stränden, Fitnessstudios, Fußballstadien, Spielhallen, Wettbüros und – bis auf wenige Ausnahmen – auch von Geschäften fernzuhalten.

In der Folge befinden wir uns mitten in dem größten gleichzeitigen Zusammenbruch von Angebot und Nachfrage seit der Depression von 1920/21. Die Regierungen der meisten fortgeschrittenen Volkswirtschaften haben die Lehren aus dem Jahr 2008 gezogen und sofort einen riesigen fiskalischen Impuls ausgelöst. Ihre Zentralbanken haben Staatsanleihen im Wert von Hunderten von Milliarden Dollar gekauft.

Doch trotz der Entschlossenheit ihres Handelns schwinden die anfänglichen Hoffnungen auf eine „V-förmige“ Erholung, also darauf, dass nach der Wachstumsdelle die Erholung auf das alte Niveau folgt. Und das liegt daran, dass unser Wirtschaftsmodell – trotz seiner strahlend schönen Komplexität und technologischen Euphorie – bereits vorher krank war.

Schon 2016 warnte Mark Carney, der damalige Gouverneur der Bank of England: „Die Weltwirtschaft riskiert, in einem Gleichgewicht von niedrigem Wachstum, niedriger Inflation und niedrigen Zinsen gefangen zu werden.“ Die in den Jahren von 2008 bis 2011 begonnene Rettungspolitik könne nur dann eine „Brücke“ zu einem neuen Wirtschaftsmodell schlagen, wenn die Politiker bereit seien, dieses Modell auch wirklich zu entwickeln. Andernfalls würde das Jahrzehnt nach der Finanzkrise lediglich zu einem einzelnen „Pfeiler“ dieser Brücke werden – und nirgendwohin führen.

Coronavirus: Kein Mittel gegen Schulden

Wir können jetzt mit bedrückender Klarheit sehen, wohin diese nie vollendete Brücke führt.

Seit der Finanzkrise ist die Gesamtverschuldung von Haushalten, Unternehmen und Staaten um 87 Billionen Dollar gestiegen – und ist mit 255 Billionen Dollar nun mehr als dreimal so hoch wie das globale Bruttoinlandsprodukt. Im gleichen Zeitraum haben die Zentralbanken zwölf Billionen Dollar an ultrabilligem Geld erschaffen. Parallel wuchs das Vermögen im sogenannten Schattenbankensektor, in dem Kreditgeber offshore, undurchsichtig und nur locker reguliert Wetten mit hohen Einsätzen auf Kreditinstrumente platzieren, auf 52 Billionen Dollar – 75 Prozent mehr als vor dem Zusammenbruch von Lehman Brothers.

Angesichts der ökonomischen Nahtoderfahrung der Finanzkrise von 2008 haben wir ein ganzes Jahrzehnt lang dafür gesorgt, dass Unternehmen, Staaten und Haushalte von Schulden lebten. Heute sind wir mit einem zweiten Stillstand konfrontiert – und die einzigen Gegenmittel, die wir inzwischen entwickelt haben, sind immer noch dieselben wie damals.

John Maynard Keynes beschrieb Geld einmal als „ein subtiles Mittel, um die Gegenwart mit der Zukunft zu verbinden“. Was wir in der Gegenwart mit Geld täten, meinte er, spiegele unsere Erwartungen an die künftige Entwicklung der Realwirtschaft wider. Wenn sich nach dieser Logik heute hinter einer globalen Schuldenquote von 322 Prozent des Bruttoinlandsprodukts etwas Rationales verbergen soll, dann muss es die Erwartung sein, dass die Zukunft profitabler sein wird als die Vergangenheit. Denn noch nie in der Geschichte des Kapitalismus haben Gesellschaften in Friedenszeiten Schulden in dieser Größenordnung angehäuft.

Coronavirus: Woher kommt nach der Krise der Reichtum?

Das Coronavirus stellt uns – lauter, aggressiver und unübersehbar – die gleiche Frage, die uns die Lehman-Krise und die Dotcom-Blase davor gestellt haben: Was ist die künftige Quelle des Reichtums, aus der wir die Schulden zurückzahlen wollen? Was ist die Quelle für eine wirtschaftliche Dynamik, die es den Zentralbanken eines Tages erlauben wird, ihre Ankaufprogramme rückgängig zu machen und ein Viertel aller Staatsschulden an Investoren des privaten Sektors zurückzuverkaufen?

Diejenigen, die es wagen, der Realität unerschrocken ins Gesicht zu schauen, kennen die Antwort bereits: Es wird weder genug Wachstum noch genug Wohlstand noch genug Dynamik geben, um diese Schulden schrumpfen zu lassen oder sie auch nur zu stabilisieren.

Die sogenannten „exponenziellen Technologien“ – künstliche Intelligenz, Robotik, genetische Medizin und Quantencomputing – werden weiter wachsen. Aber sie werfen die gleichen Probleme auf wie die Netzwerkeffekte durch Automatisierung und Digitalisierung, die wir jetzt schon spüren. Sie werden menschliche Arbeitskraft schneller ersetzen, als neue, höher qualifizierte Arbeitsplätze geschaffen werden können. Sie werden die Reproduktionskosten vieler Produkte – auch physischer Waren – so schnell senken, dass die traditionellen Gewinnspannen einfach verdampfen. Die Marktwirtschaft kann diese neuen Möglichkeiten nur erschließen, wenn es gewaltige Monopole gibt mit der Macht, einen Preis für etwas festzulegen, das kostenloses Gemeingut sein sollte.

In seinen Memoiren hat der ehemalige Chef der US-Notenbank Fed, Alan Greenspan, die Vermutung geäußert, auf der die Politik der letzten zwei Jahrzehnte basiert: dass es in dieser Informationswirtschaft einen „versteckten Wert“ gibt, der die von Realvermögen und Einnahmen abgekoppelten Börsenbewertungen und die Entkopplung der Geldpolitik vom Wachstum der Realwirtschaft rechtfertigt. Dies ist der zentrale Wahn des Neoliberalismus. Ich habe mein Buch „Postkapitalismus“ 2015 mit dem Ziel geschrieben, zu zeigen, dass die Krise des marktwirtschaftlichen Modells nicht einfach durch die finanzielle Deregulierung ausgelöst wurde, sondern in der Unfähigkeit des Kapitalismus wurzelt, sich an die Dynamik der Informationstechnologie anzupassen. Und in seinen Wahnvorstellungen über diese Technologie.

Coronavirus: Globalisierung bedeutet nicht Sicherheit

Die Krise von 2008 war ein Signal, dass unsere hochkomplexe globale Wirtschaft weder selbstkorrigierend noch widerstandsfähig ist. Der wirtschaftliche Schock, den wir bald erleben werden, sollte ein noch stärkeres Signal sein. Komplexität ist nicht gleich Sicherheit. Die Globalisierung bringt keine Widerstandsfähigkeit. Öffentliche Dienstleistungen am Rande des Scheiterns zu betreiben, stellt keine Effizienz dar. Von Notfallmaßnahmen zu leben, ist keine Form des Gleichgewichts.

Wenn wir darauf reagieren, werden wir uns logischerweise auf eine nationalzentrierte Politikgestaltung zurückziehen. Es ist kein „wirtschaftlicher Nationalismus“, wenn wir wollen, dass Großbritannien eine Impfstofffabrik mehr hat als seine derzeitige Gesamtzahl – die ist nämlich null. Es ist nichts Fremdenfeindliches daran, wenn wir eine sichere lokale Lieferkette für Operationsmasken und -kittel wollen, die – während ich dies schreibe – im englischen Gesundheitswesen nahezu aufgebraucht sind.

Paul Mason ist ein britischer Autor und TV-Journalist. 2019 erschien sein neuestes kapitalismuskritisches Buch „Klare, lichte Zukunft“.

Es ist rational nachvollziehbar, dass sich die Bevölkerungen an ihre nationalen Regierungen wenden und nicht an multilaterale Gremien. Zumal in einer Zeit, in der die USA ihre globale Führungsrolle aufgegeben haben, in der China seine Produktionskapazitäten für geopolitische Vorteile einsetzt und in der sich die zahlungskräftigen Länder der Eurozone nicht mit den verschuldeten Ländern solidarisieren.

Die nationalzentrierte Politik, von der wir zu Recht befürchtet haben, dass sie das globale System auseinanderreißen könnte, wird allein durch die Logik der Situation mit Corona neuen Auftrieb erhalten, lange bevor Salvini, Orbán, Farage und Gauland damit beginnen, sie auszunutzen.

Zum Sieg über das Coronavirus braucht es ein globales Gespräch

Um das zu retten, was wir aus einer offenen, finanziell komplexen Welt retten können, wird mehr Führung erforderlich sein, als sie derzeit irgendein Politiker vorweist. So wie die Entscheidungsträger des gesamten politischen Spektrums nach 1933 keynesianische fiskal- und geldpolitische Stimulierungsmaßnahmen beschlossen haben, müssen sie heute noch weiter gehen: Teilweiser Staatsbesitz von Großunternehmen muss möglicherweise zur Normalität werden. Direkte Zahlungen des Staates an Einzelpersonen können für mehrere Jahre erforderlich sein. Und die Fiktion der Unabhängigkeit der Zentralbank muss ein Ende haben. Die Schuldenquote der G7-Staaten wird weit über ihre gegenwärtigen 113 Prozent des Bruttoinlandsprodukts hinausgehen. Und ja, die Eurozone wird ihre Schulden auf Gegenseitigkeit zurückführen müssen.

Wenn wir das Virus besiegen wollen, das uns in mehreren Wellen treffen könnte, müssen wir ein ehrliches globales Gespräch führen. Zoonoseviren vermehren sich aufgrund unseres Entwicklungsmodells, das Regenwälder dem Erdboden gleichmacht, eine Milliarde Menschen in Slums drängt, den Luftverkehr subventioniert, die Wahrheit unterdrückende Autoritäten feiert und Fettleibigkeit, Herz- und Lungenkrankheiten in der entwickelten Welt hervorruft.

Das Coronavirus hat ein Ziel: Überleben

Dies ist also kein „exogener“ Schock, ebenso wenig wie die demografische Alterung und der Klimawandel. Sie alle sind das Produkt eines Wirtschaftsmodells, das die Menschheit in Konflikt mit der Natur gebracht und dabei sogar unsere eigene Natur zerstört hat.

Das Coronavirus hat nur ein Ziel, nämlich durch das Kolonisieren und Töten von Menschen zu überleben. Das ist, wie Marx es ausdrücken könnte, sein „Gattungswesen“. Sein Erfolg – ein Spiegelbild der Justinianischen Pest und der Beulenpest – beruht auf der Tatsache, dass die menschliche Gesellschaft Komplexität ohne Widerstandsfähigkeit geschaffen hat. Als radikaler Humanist glaube ich, dass unsere Spezies auch ein Ziel hat: uns selbst zu befreien, indem wir unsere Sprache, unsere Fähigkeit zur Zusammenarbeit und unsere Vorstellungskraft nutzen, die das Produkt unseres Erbguts sind. Aber wir können dieses Ziel nicht mehr im Konflikt mit der Natur verfolgen.

Wir werden aus dieser Krise mit einer stark staatlich geprägten Wirtschaft hervorgehen. Mit einem neuen Verständnis kollektiver statt individueller Bedürfnisse. Und hoffentlich frei von der Hybris, die 40 Jahre unkontrollierte Globalisierung, Umweltschäden und wachsende Ungleichheit vorangetrieben hat. Wir werden vielleicht nicht in der Lage sein, die liberale Gesellschaft, Offenheit und Rechtsstaatlichkeit überall auf der Welt zu retten. Aber der eine Ort, an dem wir diese Errungenschaften angesichts unserer schrecklichen Vergangenheit bewahren müssen, heißt Europa.

Übersetzung: Thomas Kaspar

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