Es braucht mehr Windkraft, um die Ziele zu erreichen.
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Es braucht mehr Windkraft, um die Ziele zu erreichen.

Corona und Klima

Auch beim Kampf gegen das Coronavirus ans Klima denken

  • Joachim Wille
    vonJoachim Wille
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Konjunkturspritzen und Finanzhilfen wegen Corona müssen an ihren Klimafolgen gemessen werden. Das Geld muss in einen „Green Deal“ fließen. Der Leitartikel.

Die Coronakrise eskaliert. Schulen und Kitas sind zu, Grenzen werden dichtgemacht, der Flugverkehr ist halbiert, das öffentliche Leben steht still – Gottesdienste, Parteitag, Disco, an immer mehr Orten gestrichen. Wir stehen vor einer Weltwirtschaftskrise wie nach der Lehman-Pleite vor gut einem Jahrzehnt. Da erscheint es zynisch überhaupt zu fragen, ob die Pandemie auch gute Nebenwirkungen hat. Doch die gibt es tatsächlich. Die globalen Treibhausgasemissionen werden nach Expertenschätzung in diesem Jahr erstmals seit 2008 wieder sinken, und die Qualität der Atemluft in vielen Ländern, allen voran China, ist deutlich besser geworden, was das Risiko für Herz- und Kreislaufkrankheiten senkt.

In China, wo Covid-19 sich zuerst ausbreitete, sind die CO2-Emissionen im Februar um ein sattes Viertel zurückgegangen. Es wird weniger Kohle verbrannt, weil die Industrieproduktion abgestürzt ist, und es gibt viel weniger Verkehr. Rund 200 Millionen Tonnen CO2 werden dadurch weniger in die Atmosphäre gepustet, haben Klimaforscher kalkuliert. In anderen Ländern mit hohen Coronafallzahlen dürften die Emissionen vergleichbar sinken. Die Internationale Energieagentur (IEA) hat derweil vorausgesagt, dass der globale Ölverbrauch im diesem Jahr um 0,7 Prozent zurückgehen dürfte. Und der weltweite Flugverkehr lag im Februar bereits um 4,3 Prozent niedriger, dabei waren die Flugpläne längst nicht so radikal zusammengestrichen wie jetzt.

Klima: Nach der Coronavirus-Krise droht ein Rückfall

Das ist in der Tat gut fürs Klima. Aber der Preis, den die Wirtschaft und die Gesellschaft insgesamt dafür zahlen, ist – keine Frage – eindeutig zu hoch. Kein Umweltschützer, der ernst genommenen werden will, kann einen solchen ökonomischen Absturz als probates Mittel befürworten, um die Klimakrise einzudämmen. Die Erfahrungen aus der Weltwirtschaftskrise zeigen denn auch, dass die Erholung fürs Klima nur kurzfristig war.

Die Regierungen setzten damals alles daran, die Schornsteine (und Auspuffe) im wahrsten Sinne des Wortes wieder rauchen zu lassen. China legte ein gigantisches Konjunkturprogramm auf, und zum Beispiel Deutschland steckte Milliarden in eine Abwrackprämie, um die Autoindustrie vor der Pleite zu retten. Ein Jahr nach der großen Krise 2008/2009 hatte die Wirtschaft wieder Fuß gefasst und die globalen energiebedingten CO2-Emissionen folgten wieder dem alten Aufwärtstrend. 2019 erreichten sie den Rekordwert von 37 Milliarden Tonnen.

Diesmal droht dasselbe Spiel. Chinas Staatschef Xi Jinping hat bereits angekündigt, dass das Land die Konjunktur kräftig anschieben wolle, um die Produktionsrückstände aufzuholen. Energieexperten befürchten: Das könnte dem Klima sogar noch stärker einheizen, falls China dafür die Kohleproduktion hochfährt und Umweltstandards senkt. Das Land ist schon jetzt mit Abstand globaler Klimaeinheizer Nummer eins.

Aber auch hierzulande droht ein klimapolitischer Rollback. Die Coronakrise hat bereits dazu geführt, dass in der vorigen Woche die längst überfälligen Entscheidungen von Bund und Ländern zur Reanimation der Energiewende ergebnislos vertagt wurden. Der zum Erreichen der deutschen CO2-Ziele dringend notwendige Windkraft- und Solarenergiezubau droht damit nicht nur eine Delle zu bekommen, er könnte längerfristig abstürzen. Und es ist auch nicht ausgeschlossen, dass die Bundesregierung die Instrumente von 2008 wieder auspackt, wenn sich zum Beispiel die Abwärtskurve bei der Autoindustrie beschleunigt. Eine neue Pkw-Abwrackprämie aber, die neben den gerade erst erhöhten E-Auto-Prämien nun auch wieder Verbrenner fördern würde, wäre klimapolitisch höchst kontraproduktiv. Der Verkehrssektor muss nach den eigenen Vorgaben der Bundesregierung bereits bis 2030 gewaltig beim CO2-Sparen aufholen und ein neuer Verbrennerboom wäre das Ende davon.

Politik muss beim Klima so radikal hanseln wie beim Coronavirus

Das heißt im Umkehrschluss: Alle Maßnahmen zur Konjunkturstützung, die neben Krediten, Kurzarbeitergeld und anderen Überlebenshilfen für Unternehmen nötig werden könnten, müssen auch an ihren Klima- und Umweltfolgen gemessen und entsprechend gestaltet werden. Geld muss in einen „Green Deal“ fließen, etwa für nachhaltige Produkte und Produktion, erneuerbare Energien, Energieeffizienz und klimafreundliche strukturelle Veränderungen, statt in ein ökonomisches Strohfeuer, das die Klimakrise weiter anheizt. Ein Beispiel, das die Richtung zeigt: In vielen Unternehmen ist es plötzlich möglich, von Dienstreisen auf Videokonferenzen und von Pendlerfahrten auf Homeoffice umzusteigen. Diese Entlastung für den Verkehr auch für die Zeit nach Corona zu fördern, ist überfällig.

Bundeskanzlerin Merkel hat zu Corona gesagt: „Die Maßstäbe unseres politischen Handels ergeben sich aus dem, was uns Wissenschaftler und Experten sagen.“ Das gilt, mit Verlaub, noch viel mehr auch für die Klimakrise, deren Folgen, wenn sie nicht schnell entschärft wird, um Größenordnungen gravierender sein werden. Die Warnungen der Wissenschaftler sind eindringlich genug. Corona hat gezeigt, zu welch radikalen Maßnahmen die Politik in der Lage ist, wenn eine Gefahr erkannt ist. Diese Ernsthaftigkeit braucht es endlich auch beim Klima.

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