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Die Krise um den Coronavirus sollte einen Wandel herbeiführen. Wie könnte der aussehen?

Leitartikel zu Covid-19

Wie könnte die Nach-Corona-Gesellschaft aussehen?

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Es könnte ermutigend sein, sich Gedanken über die Gesellschaft nach Covid-19 zu machen. Mit der Pflegebranche sollte die Politik anfangen. Der Leitartikel.

So sieht Krise aus: Das Virus und seine akute Bekämpfung haben weitgehend die Herrschaft über unser Leben, über unser Denken und Fühlen übernommen. Das wird niemanden wundern, aber früher oder später sollte gerade diese Krise der Anlass sein, ein paar grundlegende Dinge in den Blick zu nehmen.

Da könnte es zum Beispiel um das Verhältnis von kollektiver Gefahrenabwehr und individueller Freiheit gehen, um die Risiken und Nebenwirkungen eines zu großen Teilen privatisierten Krankenhauswesens oder auch um die Tatsache, dass allgemeine Notlagen bei uns immer noch am ehesten die Ärmsten treffen.

Coronakrise: Angst in Konstruktives umwandeln

Vielleicht lässt sich sogar gerade die erzwungene Zurückgezogenheit aus dem sozialen und öffentlichen Leben nutzen, um frühzeitig über Elemente einer Nach-Corona-Gesellschaft nachzudenken. Könnte es nicht sogar ermutigend sein, schon jetzt einmal ganz behutsam aus der Angststarre ins Konstruktive zu wechseln?

Es muss ja nicht gleich darum gehen, am Küchentisch die perfekte Gesellschaft der Zukunft zu entwerfen. Als erster Schritt täte es schon ganz gut, etwas genauer auf ein paar Dinge zu schauen, von denen sonst, in der privaten und politischen Alltagshektik, oft nur die Oberflächen erkennbar werden. Daraus lassen sich dann vielleicht die Schlüsse ableiten, die in „normalen“ Zeiten allzu oft unterbleiben.

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Um ein Beispiel zu nennen: Es ist genau zwei Wochen her, dass in Erfurt Bodo Ramelow von der Linkspartei zum thüringischen Ministerpräsidenten gewählt wurde. Die Vorgeschichte ist bekannt: CDU und FDP waren so sehr in alte, antikommunistische Denkmuster verstrickt, dass sie Anfang Februar gemeinsam mit der AfD des Faschisten Björn Höcke einen FDP-Mann zum Regierungschef wählten. Erst einen Monat später hatte sich die CDU dazu durchgerungen, dem Kandidaten der stärksten Partei, also Ramelow, durch Enthaltung zurück ins Amt zu verhelfen.

Coronakrise zeigen die Notwendigkeit der Gerechtigkeit auf

Wie unendlich weit entfernt das heute erscheint! Aber schaut man dennoch aus der Abgeschiedenheit der kollektiven Quarantäne zurück, dann zeigt sich in diesem Ereignis nicht nur das akute Versagen einer oder zweier Parteien auf Landesebene. Es zeigen sich in Jahrzehnten gewachsene, antikommunistische Reflexe. Es wird deutlich, wie diese Reflexe sich mischen mit einem immer noch nicht überwundenen neoliberalen Zeitgeist, der sich gegen alle Modelle einer größeren Verteilungsgerechtigkeit sowie einer besseren staatlichen und gesellschaftlichen Daseinsvorsorge sperrt – was übrigens, auch das wird nach dem Ende der Corona-Krise zu bilanzieren sein, nicht zuletzt für die Bewältigung von Pandemien nicht förderlich sein dürfte.

Der Zufall will es, dass sich an diesem Donnerstag zum 50. Mal ein Ereignis jährt, das ebenfalls in Erfurt stattfand: der Besuch des Bundeskanzlers Willy Brandt. Wer sich heute die Fernsehbilder vom 19. März 1970 anschaut, könnte einige Schlüsse ziehen, mit denen sich Skandalen wie demjenigen im Thüringer Landtag besser vorbeugen lässt. Tausende durchbrachen die Polizeisperren, um den Kanzler zu sehen, der kurz aus dem Hotelfenster winkte. „Was das für ein Schrei war, wie so ne Erlösung, ein Freischreien“, hat sich eine Zeitzeugin später erinnert.

Nun hat es auch in der DDR schon Neonazis gegeben, und Illusionen über den Kapitalismus gab es erst recht. Aber gestehen wir denen, die damals in Erfurt die Ketten der „Volkspolizei“ durchbrachen, einfach mal ihren schlichten Freiheitswillen zu. Sie wollten auch jene anderen Ketten durchbrechen, mit denen sie hinter der Mauer fest-, dem westlichen Wohlstand ferngehalten sowie in ihrer Bewegungs- und Meinungsfreiheit massiv eingeschränkt wurden.

Coronakrise zeigt die Lohndefizite der Pflegekräfte auf

Diesen Menschen, die sich „freischreien“ wollten vom eingemauerten Dasein unter dem SED-Regime, stand ganz sicher keine Treuhandanstalt, keine sozial blinde Privatisierung, kein NSU-Terror, kein Verfassungsschutz mit Sehschwäche rechts vor Augen, und sie ahnten nichts von Nazis, die einmal die widerständige Parole „Wir sind das Volk“ für ihren rassistischen Diskurs missbrauchen würden. Und daraus ergibt sich zwingend die Frage: Was ist schiefgelaufen im vereinten Deutschland, dass heute eine Bundeskanzlerin, die sich auf dem ehemaligen DDR-Gebiet blicken lässt, eher beschimpft als bejubelt wird? Es wäre sehr fahrlässig, diese Frage den völkischen Propagandisten zu überlassen. Das würde auch bedeuten, all die Unzufriedenen, die mit den AfD-Rassisten nichts zu tun haben wollen, zu vergessen.

Irgendwann wird der Tag kommen, an dem Themen wie Verteilung und Daseinsvorsorge wieder in den Vordergrund rücken. Dann könnte die Notwendigkeit, manches in der Wirtschaft und den Sozialsystemen teilweise neu aufzubauen, zur Chance werden. Zur Gelegenheit, alte Abwehrreflexe und ideologische Vorbehalte gegen staatliches Handeln endlich zu überwinden – und das nicht nur in Erfurt und schon gar nicht nur in Zeiten einer Pandemie.

Am besten, die Politik fängt damit gleich in der Pflegebranche an: Wer dem Lob für die Helferinnen und Helfer den angemessenen Lohn nicht möglichst bald folgen lässt, wird dann nicht von sich behaupten können, aus der Krise gelernt zu haben.

Von Stephan Hebel

Die Welt nach Corona: Aus den Fehlern der Coronakrise müssen wir lernen. Ein Gastbeitrag von Ronja Weil und Maximilian Becker.

Angestellte in der Pflege sind derzeit noch mehr gefordert. In der Coronakrise verlassen tausende Pflegekräfte aus Osteuropa Deutschland – es droht ein Notstand.

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