Leitartikel

Die Stunde der Frauen

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Was längst alle wissen könnten, bringt das Virus noch deutlicher an den Tag: Es ist Zeit, das Verhältnis unter den Geschlechtern radikal zu verändern. Der Leitartikel.

Reden wir mal von den angenehmen Seiten der Krise, denn ja, die gibt es durchaus. Zum Beispiel, wenn es um Ausreden geht. Selten war es so einfach, Ausflüchte zu konstruieren und Gründe vorzuschieben: warum dies und jenes unbedingt nötig ist, nicht mehr funktionieren kann, anders aufgestellt werden muss oder schon immer eine blöde Idee war. Schuld hat stets Corona, das ist so einleuchtend wie bequem. Zwängt uns das Virus nicht alle in ein Korsett? Da zwickt und zwackt es eben.

Gleichzeitig aber entlarvt die Krise uralte Ausreden. Sie treibt die Verhältnisse auf die Spitze, schärft die Bruchkanten und beleuchtet grell, in welchen Bereichen wir uns schon viel zu lange in die Tasche gelogen oder durchlaviert haben – privat und politisch. Ein augenfälliges Beispiel dafür ist die Frage der Gerechtigkeit zwischen Männern und Frauen.

Es soll ja Väter geben, die sich, kaum waren die Hotels wieder geöffnet, ein Zimmerchen mieteten, um dort in Ruhe arbeiten zu können. Wer soll es zu Hause schon aushalten mit einer gestressten Frau, die Homeoffice, Homeschooling, Bespielen der Kinder sowie Kochen, Putzen, Waschen auf die Reihe kriegen muss? Mit den geliebten, aber anstrengend lauten Gören, die nicht wissen, wohin mit ihrer Energie? Bloß weg und sich auf das konzentrieren, was des Familienvaters angeblich erste Pflicht ist: sich auf den bezahlten Job zu konzentrieren.

Schon immer haben Frauen hierzulande den allergrößten Teil der unbezahlten Arbeit geschultert, Hausarbeit, Kinderbetreuung, Pflege. Das Missverhältnis ist besonders extrem, wenn kleine Kinder im Haushalt sind. Da setzt ein Vater, der in Vollzeit beschäftigt ist, nur ein Drittel seiner Gesamtarbeitszeit für die Fürsorge der Familie ein, eine vollzeitbeschäftigte Mutter hingegen mehr als die Hälfte, eine teilzeitbeschäftigte fast 70 Prozent.

Diese hanebüchene Verteilung zwischen bezahlter und unbezahlter Arbeit ist schreiend ungerecht und wirkt sich unmittelbar auf den Grad weiblicher Selbstbestimmung oder Abhängigkeit aus, auf Einkommen, berufliche Chancen und Alterssicherung. Das wissen alle – Männer, Frauen, Wirtschaft, Politik. Ändert sich deswegen etwas? Mitnichten! Und keineswegs ist es ein Virus, das diese Zustände hervorgebracht hat, es hat das Problem nur verstärkt und ins Scheinwerferlicht gerückt.

Folgerichtig warnen Wissenschaftlerinnen, Frauenverbände und Aktivistinnen nun vor einer „Retraditionalisierung der Geschlechterverhältnisse“ und einem Rückfall in alte Zeiten. Die Warnung ist wichtig – doch die Begriffe sind falsch. Wie kann ein Rückfall in alte Zeiten drohen, wenn die alten Zeiten nie wirklich vorbei waren? Wie kann es um Retraditionalisierung gehen, wenn die Tradition fast ungebrochen weiterlebte? Vor allem bei der Verteilung von Arbeit. Warum sind noch immer 66 Prozent aller Mütter mit minderjährigen Kindern in Teilzeit, aber nur sechs Prozent der Väter?

Die Pandemie hat die Unerträglichkeit der Verhältnisse krass offengelegt. Eine unangenehme Wahrheit in diesem Zusammenhang aber ist, dass Frauen selbst ein gutes Stück Verantwortung dafür tragen, dass sich in den vergangenen Jahrzehnten so wenig geändert hat – obwohl ein großer Teil von ihnen ein selbstbestimmtes Leben führt und alle Arbeit gerecht mit dem Partner teilen will.

Aktuelles Beispiel aus dem Corona-Stubenarrest: Da klagt eine Frau ihrer Facebook-Community, dass sie völlig am Ende sei. Alles zu Hause und mit den Kindern bleibe an ihr hängen, die Anforderungen im Job könne sie nur nachts erledigen, während ihr Mann tagsüber ungestört seinen Homeoffice-Aufgaben nachkomme und dafür das Wohnzimmer gekapert habe.

Ähnliche Klagen waren in den vergangenen Wochen massenhaft zu hören. Doch warum lassen sich Frauen das gefallen? Warum wehren sie sich nicht und nehmen ihren Partner in die Pflicht, statt zusammenzubrechen? Gängige Reaktion der Betroffenen: Ich kann mir doch bei all dem Stress nicht noch Stress mit ihm leisten. Oder: Ich werde doch wegen solcher Geschichten die Beziehung nicht aufs Spiel setzen. Oder: So schlimm ist es ja gar nicht, er würde ja, wenn er könnte, ich halt das schon aus.

Geht’s noch? Bei allem Verständnis für individuelle Zwänge – was soll die Vermausung, was die Ausreden? Freiheit und Selbstbestimmung gibt’s nicht geschenkt. Da muss frau schon streiten, um traditionelle Anforderungen und Rollenvorgaben aufzuweichen und abzuschütteln. Auch im persönlichen Umfeld. Diese Arbeit nimmt ihr niemand ab.

Klar, die strukturellen Bedingungen sind eine Schande, zumal für ein Land, das sich modern schimpft; sie machen emanzipatorische Fortschritte doppelt schwer. Doch nicht nur das Politische bestimmt, was Frauen sind und sein wollen, sondern auch das Private.

Deshalb gibt es nur einen Weg aus der Krise: Frauen, selbstermächtigt euch! Seid radikal, wenn es um eure Forderungen zur Veränderung geht. Im Politischen und im Privaten. Neue Geschlechterverhältnisse braucht das Land!

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