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Großmütter bereiten einen auf vieles vor, aber nicht auf einen fehlenden USB-Stick, stellte FR-Kolumnist Michael Herl fest.

Kolumne

Oma Frieda und der USB-Stick

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Wer von den Alten Vorratshaltung gelernt hat, ist klar im Vorteil. Jedenfalls in den meisten Fällen.

Eigentlich habe ich ja immer alles da. So auch gestern. Ich hatte nachts von einem feisten Speckkuchen geträumt, also machte ich mich daran, einen zu backen. Ich richte mich in meiner Menüplanung immer nach solchen sachdienlichen Hinweisen. Sie garantieren mir eine ausgewogene Ernährung, denn mein Körper teilt mir so verlässlich mit, was er gerade benötigt.

Dass dabei Salat nicht mal in Alpträumen vorkommt, fällt mir zwar auf, irritiert mich aber nicht. Es wird schon seine Richtigkeit haben. Signale für ein in Wirrnisse geratenes Unterbewusstsein wären eher Träume von Hamburgern, Sojawürsten oder Smoothies mit einem Tröpfchen Öl.

Speckkuchen also. Ich begab mich zu Werke, einen Teig anzusetzen, griff automatisch zu Mehl und Trockenhefe – und stutzte. Plötzlich beschlich mich ein Gefühl, als hätte ich Seltene Erden aus meinem Küchenschrank geschürft. In diesem Moment erst – nach vier Wochen Corona-Sperre – wurde mir gewahr, welch spießiger Vorratshalter ich eigentlich doch bin.

Coronavirus: Vorrat dank Oma Frieda

Klopapier, Küchenrollen, Mehl, Hefe, Seife, all diese raren Güter lagern in solch üppiger Menge in meinem Gemach, dass ich damit locker einen dreimonatigen Belagerungszustand durchhalten könnte. Die mahnenden Winke meiner nachkriegserfahrenen Großmutter Frieda tragen offenbar Früchte, und zwar ohne mein absichtliches Zutun. Da haben wir es mal wieder, das rätselhafte Unterbewusstsein. Es denkt und lenkt, und nichts davon kriegen wir mit.

Ich habe also immer alles da. Fast. Anfang vergangener Woche nämlich musste ich schmerzhaft feststellen, dass selbst Großmutter Frieda nicht vollkommen war. Hatte sie doch mich zu gemahnen versäumt, stets auch genügend USB-Sticks mit einer Speicherkapazität von 256 GB im Haus zu haben.

Mein Bild der Über-Oma begann zu bröckeln. Ich war schwer verwundert, hatte sich doch die Großmutter bislang auch im neuzeitlichen Sektor als verlässliche Ratgeberin bewährt. Sie war schließlich lange vor allen anderen schon Influencerin und die wahre Urheberin vermeintlich moderner Gerichte wie Pulled Pork („Herrjemine, ich habe den Braten im Ofen vergessen“), Schokokuchen mit flüssigem Kern („Der ist nicht ganz durch“) oder – gerade der heißeste Scheiß aus den USA – „Chopped Salad“, denn Oma pflegte Endivien immer in dünne Streifen zu schneiden. Bei den USB-Sticks aber hatte sie auf ganzer Linie versagt.

Coronavirus: Geschlossene Läden

Und nun? Was tun in Zeiten geschlossener Läden? Die Dinger gibt es zwar an jeder Tankstelle, nicht aber die dicken mit so vielen Gigabytes. Was bleibt? Fucking Amazon.

Ich schlug den Kragen hoch, zog die Hutkrempe runter und schlich mich leise ins Netz. Kaum hatte ich die Tür geöffnet, kam mir Arschloch Amazon schon entgegengeschleimt und zischte: „Brauchst Du Sticks, Digger?“. Ich nickte peinlich berührt. Meine Tarnung war aufgeflogen. Ich Depp hatte vergessen, meine IP-Adresse mit einem dicken Filzstift zu schwärzen.

Amazon las mir wunderlicherweise mein Begehr sofort von den Augen ab und machte mir zudem einen wirklich guten Preis. Ich sei schließlich ein guter alter Buddy, deswegen mache sich auch sofort ein Kumpel von uns auf den Weg, reite die ganze Nacht durch und bringe mir meinen Stick morgen früh direkt nach Hause. So kam es. Wie ich mich schäme!

Von Michael Herl

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