Der Ausbruch der neuartigen Lungenkrankheit hat in China schon mehr Menschenleben gefordert als die Sars-Pandemie vor 17 Jahren.
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Der Ausbruch der neuartigen Lungenkrankheit hat in China schon mehr Menschenleben gefordert als die Sars-Pandemie vor 17 Jahren.

Coronavirus

Was das Coronavirus über Chinas Führung offenbart

  • vonMatthias Koch
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Der neue Erreger zeigt, an welcher Krankheit Chinas Führung leidet: Wer alles plant, ist auf Unvorhersehbares nicht vorbereitet.

Wochenlang kämpfte China nicht gegen das Virus, sondern gegen die Wahrheit. Dass sich schon zur Jahreswende ein gefährlicher neuer Erreger ausbreitete, wollte die Obrigkeit anfangs unter den Teppich kehren.

Den ersten Arzt, der Alarm schlug, brachten Polizisten nächtens zum Schweigen. Man ließ ihn unterschreiben, dass die Verbreitung von Warnungen in sozialen Netzwerken „illegales Verhalten“ sei. Und nachdem örtliche Beamte den Geflügelmarkt in Wuhan „wegen Desinfektion“ geschlossen hatten, verkündeten sie prompt, nun sei die Gefahr gebannt.

Das Coranavirus passt nicht zur Ideologie 

Das verlogene Herangehen passte zur Ideologie von Staatschef Xi Jinping: Nichts soll den Eindruck der „harmonischen Gesellschaft“ trüben, in der alles sich mit wundersamer Stetigkeit entwickelt: Wohlstand, Wachstum, Sicherheit.

In Wahrheit ist all dies jetzt in Gefahr – durch den zufälligen Übergang eines neuen Erregers auf den Menschen. Chinas Führung erlebt etwas, womit sie nicht umgehen kann: den Einbruch des Unerwarteten ins Geplante.

Der damit verbundene destabilisierende Effekt ist für Xi und sein System noch schlimmer als alle jüngsten freiheitlichen und aufklärerischen Vibrationen aus Hongkong und Taiwan. Die Viruskrise ist ein umfassender, an allen bisherigen Berechnungsgrundlagen rüttelnder Schwarzer-Schwan-Moment – für China und für die gesamte Welt.

Momente dieser Art sind durch drei Eigenheiten charakterisiert. Sie sind zum Glück selten. Sie treten stets völlig überraschend ein. Und sie können katastrophale Folgen haben.

In den USA gab es einen solchen Moment am 11. September 2001. Der Schaden durch die Terroranschläge war zwar bereits immens. Doch es folgte dann eine noch sehr viel größere Vernichtung von Werten an den internationalen Börsen. In seinem Weltbestseller „Der schwarze Schwan“ beschrieb der Philosoph und Finanzmathematiker Nassim Nicholas Taleb bereits im Bankenkrisenjahr 2008 „die Macht höchst unwahrscheinlicher Ereignisse“. Seine Quintessenz lautete damals: Die Vorhersehbarkeit von Entwicklungen aller Art wird generell überschätzt. Die eigentliche Kunst der Politik läge darin, robuster zu werden für den Fall des Unwahrscheinlichen.

Die USA mit dem größte Staatsdefizit seit dem Zweiten Weltkrieg

In diese Richtung allerdings hat sich die Welt seither gerade nicht entwickelt. Im Gegenteil. Aktienkurse und Immobilienpreise sind heute aufgeblasen wie noch nie. Viele Private, viele Firmen, viele Staaten und neuerdings sogar die Notenbanken machen fröhlich Schulden, als ob es kein Morgen gäbe.

Die USA lassen derzeit unter Präsident Donald Trump mitten im Boom das größte Staatsdefizit seit dem Zweiten Weltkrieg entstehen. Auch Chinas Schulden stürmen himmelwärts. An diesem Montagmorgen soll Chinas Zentralbank noch einmal frische 156 Milliarden Euro ins Finanzsystem schütten, um alle Beteiligten bei Laune zu halten – trotz der unschönen Bilder von Menschen mit Masken vor dem Gesicht.

Was aber, wenn trotz all dieser schönen Konstruktionen angesichts des sich weiter verbreitenden Coronavirus irgendwann zu viele Anleger gleichzeitig die Nerven verlieren? Das Finanzwesen ist weniger berechenbar, als viele denken. Da geht es mitunter um diffuse Stimmungen, Strömungen und Erwartungen. Was, wenn der ebenso düstere wie letztlich auch unabweisbare Gedanke um sich greift, dass man zur Unterbrechung der globalen Infektionsketten wohl oder übel auch die globalen Produktions- und Lieferketten unterbrechen muss?

Die Viruskrise könnte, wenn es schlecht läuft, nach und nach die gesamte Weltwirtschaft kollabieren lassen. Doch wenn der schwarze Schwan sich zeigt, sind neben den ökonomischen auch die politischen Konsequenzen unkalkulierbar.

Seufzend haben viele Chinesen sich damit arrangiert, dass das System sie auf Schritt und Tritt überwacht. Im Gegenzug versprach der Staat ihnen Sicherheit. Was aber, wenn sich in China künftig nur noch Negatives addiert: wachsende Angst plus wieder wachsende Armut plus Diktatur? Die Rechnung von Präsident Xi geht dann nicht mehr auf.

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