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„Wir erlauben Immunologen und Politikern, dass sie für die Virus-Abwehr neue Grenzen zwischen ganze Milieus und Gruppen ziehen und so unser Innen und Außen verändern.“

Leitartikel

Nach der Coronakrise: Wie wollen wir morgen leben?

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Was wäre , wenn immer Coronakrise wäre? Wir sollten die Lehren aus der Krise sofort für einen Wandel nutzen. Der Leitartikel.

Es ist das Wort des Jahres: „Systemrelevant“. Corona stellt die harte Frage: Wer oder was ist es wert, aktiv unterstützt zu werden? Nach den ersten Schockreaktionen ist es jetzt an der Zeit zu hinterfragen: Stimmt unsere Vorstellung vom System überhaupt noch und setzen wir die richtigen Schwerpunkte ?

Jedes System beginnt im Kleinen, bei uns selbst. Wer gehört zu meinem Kreis? Partner, Kinder, Eltern, Verwandte? Das Virus hat unsere Lebensgemeinschaften durcheinandergewirbelt. Besuchsverbote in Altenheimen verwehren den Kontakt zu den Eltern und Großeltern. Krankenbesuche per Telefon, Trauer aus der Ferne ohne Umarmung. Von der Geburt bis zum Tod sind Gewohnheiten verändert. Wir besinnen uns gerade auf den Wert des menschlichen Kontakts neu: Das ist der Nukleus einer erfrischten Menschlichkeit in jedem von uns, die wir unbedingt ausweiten sollten.

Wegen Corona steht das gesellschaftliche System selbst fundamental in Frage. Wir erlauben Immunologen und Politikern, dass sie für die Virus-Abwehr Grenzen zwischen ganze Milieus und Gruppen ziehen. Corona verändert so das bisherige System, indem es ein neues Innen und Außen schafft.

Wer darf isoliert werden? Was darf Gefährdeten zugemutet werden? Es wurde sogar diskutiert, ob einige tausend alte Menschen sterben sollten, damit die große Gesamtheit einer Gesellschaft überleben kann. Oder welche Opfer „akzeptabel“ sein könnten, damit die Wirtschaft nicht zu sehr geschädigt wird.

Coronavirus-Krise gibt Chance zu einem Blick von außen auf gesamtes globales System

Wir haben diese Fragen bislang mit Augenmaß beantwortet, und das muss so bleiben. In der Folge von Corona dürfen wir nicht das solidarische Sozialsystem, den Schutz von Schwachen und Armen in Frage stellen. Sondern wir müssen die Schwachstellen des bisherigen Systems kritisch beleuchten.

Eine fatale Schwäche kennen wir: Die Morde von Hanau haben einer breiten Öffentlichkeit gezeigt, dass wir einen blinden Fleck haben. Wir übersehen ganze Gesellschaftsgruppen, die nicht in das System der Mehrheitsgesellschaft assimiliert sind. Durch den derzeitigen Rückzug auf uns selbst verlieren wir diese Menschen mit anderen Lebensursprüngen erneut aus den Augen. Wer ist arbeitslos? Wer ist von der Kommunikation abgeschnitten? Wie geht es Kindern bei Schulverbot? Der Austausch sehr unterschiedlicher Menschen ist aber unser System. Gerade während einer Epidemie müssen wir das beschleunigt befördern.

Corona gibt uns die Chance zu einem Blick von außen auf das gesamte globale System. Die Pandemie verschärft die Systemkrise der internationalen Politik. 75 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gibt es offensichtlich keine über Nationen hinweg geteilte Idee mehr, Klar wird auch, wie beschränkt es ist, internationale Politik allein als wirtschaftliche Interessenvertretung zu verstehen. Die Krise zwingt zur Neubesinnung: Nur mit einem neuen gemeinsamen Ansatz kann die Menschheit friedlich und gesund leben.

Nach der Corona-Krise: Bestimmtes Wissen muss Gemeingut sein

Wir bekommen vor Augen geführt, dass weltweite Forschungs- und Unterstützungsbündnisse bei der Entwicklung eines Impfstoffs mehr Sinn ergeben als nationale Alleingänge. Wenn wir aus der Corona-Starre erwachen und endlich wieder große Herausforderungen wie die Klimakrise angehen, werden wir erst recht merken: Bestimmtes Wissen muss Gemeingut sein und darf nicht kapitalistischen Rankünen unterworfen sein.

Was ein System ist, hängt wie gezeigt sehr vom Maßstab und der Sichtweise ab. Notwendigerweise verschwimmt damit auch, was wir als relevant ansehen. Sicher ist nur: Es kann nicht mehr so sein, dass Unternehmer und Lobbyisten unsere Schwerpunkte definieren.

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Ein Beispiel: Weil wir in ungestörten Jahrzehnten die Grundversorgung – Essen, Trinken, auf die Toilette gehen – als Flatrate genießen durften, haben wir all jene aus dem Blick verloren, die diese sicherstellen. Gerade weil, wie Bertolt Brecht es ausgedrückt hat, erst das Fressen kommt, muss nun endlich auch die Moral daran gekoppelt sein. Kassiererinnen, Busfahrer, Pflegerinnen, Erzieherinnen, Krankenschwestern, Altenhilfen – die Liste all jener ist schier riesig, die viel zu lange unmoralisch niedrig bezahlt waren.

Wie wollen wir in Zukunft leben?

Deshalb müssen wir zurück zur Quelle gehen und damit zu einem System, in dem ein Konzentrations-Kapitalismus schier unbegrenzt schalten und walten durfte. Solidarität, Menschlichkeit und Gerechtigkeit haben wieder massiv an Relevanz gewonnen. Wir dürfen das Gemeinwohl nicht mehr zurück an den Kapitalismus geben.

Ein Virus hat uns gelehrt, wie zerbrechlich im Kleinen und im Großen die Verbindungen in unseren Systemen sind. Wie wollen wir in Zukunft leben? Die Antwort ist nicht einfach und benötigt vielfältige Sichtweisen. Wir werden die besten Denkerinnen und Denker aus unterschiedlichsten Disziplinen dazu benötigen, einen Entwurf für eine bessere Welt zu entwickeln.

Was wäre. wenn Corona immer wäre? Wir sollten auf nichts warten und sofort damit beginnen „systemrelevant“ neu zu definieren. Als System im Kleinen, als Gesellschaft und als weltweites Bündnis, das relevant für Menschlichkeit ist. 

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