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Für alle, die es gewohnt sind, die Weisheit politischer Entscheidungen infrage zu stellen, ist das Dilemma nicht neu.

Leitartikel

Coronakrise: Sind Zweifel erlaubt? Dilemma zwischen Virus und Widerstand

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Zwingt uns die Corona-Krise zu einer Entscheidung zwischen reinem Gehorsam und blindem Aktionismus? Der Leitartikel.

Die Stimmung hat sich gewandelt: Die Erkenntnis, dass der Schulterschluss gegen das Coronavirus kontroverse Debatten nicht ausschließen dürfe, hat sich durchgesetzt. Das ist gut so, aber es macht das Leben in der Krise auch nicht einfacher. Es ist für viele ein ganz persönliches Dilemma: Der wiedererwachte Widerspruchsgeist, die wieder zunehmende Bewegung im öffentlichen Diskurs stößt sich schmerzhaft am immer noch ganz realen Stillstand großer Teile des öffentlichen Lebens. Wie lässt sich damit umgehen, und wie besser nicht?

Corona-Krise: Dilemma zwischen Widerspruch und Stillstand

Für alle, die es gewohnt sind, die Weisheit politischer Entscheidungen infrage zu stellen, ist das Dilemma nicht neu. Fast täglich müssen sie sich an Gesetze halten, die sie nicht für richtig halten. Aber selten greift staatliches Hand eln so schnell und spürbar ins Alltagsleben ein wie jetzt.

Daraus ließe sich, nebenbei bemerkt, schon mal eine Lehre ziehen: Wer jetzt schmerzhaft spürt, dass Politik mit ihren Entscheidungen das eigene Leben ganz unmittelbar bestimmt, sollte sich das gut merken. Denn wenn sich das Bewusstsein ausbreitete, dass viele Risiken und Nebenwirkungen unseres Alltagslebens sehr wohl mit Politik zu tun haben, hätte Corona schon mal einen Kollateralnutzen gehabt: Niemand mehr würde sich zum Beispiel über die politisch geduldete Steuerflucht von Steinreichen beschweren und gleichzeitig bekunden, er oder sie interessiere sich nicht für Politik.

Corona-Krise: Wie halten wir dieses Dilemma das aus?

Nun aber, da das Dilemma von Gehorsam und Zweifel so offensichtlich ist, stellt sich umso drängender die Frage: Wie halten wir das aus?

Zum einen ist es natürlich möglich, sich selbst das Gehorchen durch einen simplen Trick zu erleichtern: Wer die Entscheidungen der Politik zum Ausdruck blanker Vernunft erklärt, zur alternativlosen Konsequenz aus vermeintlich objektiven Zahlen, wird keine Schwierigkeiten haben, sich zu beugen. Das scheint in den ersten Wochen eine vorherrschende Stimmung gewesen zu sein: Gemeinsam schaffen wir es, wenn wir nur tun, wie geheißen.

Das andere Extrem besteht darin, alles für Lug und Trug zu erklären. Die Verbreitung des Virus oder gar seine Existenz, die Maßnahmen der Regierungen von Bund und Land, die Appelle zum Abstandhalten und Maskentragen: alles nur erfunden, um die Menschen in Angst zu versetzen und die wahren Absichten der Politik zu verschleiern. Wer so denkt, kann sich entweder in der vertrauten Opferrolle einrichten oder sich durch Verweigern des Abstands auf der Straße als Speerspitze des Widerstands fühlen.

Beide Verhaltensweisen mögen auf den ersten Blick erleichternd erscheinen. Und doch sind sie nichts anderes als sinnlose Fluchtversuche vor der ernüchternden Erkenntnis: Wir kennen „die Wahrheit“ nicht, und wenn, dann nur im Plural, denn es gibt jeden Tag mindestens eine neue, und für jede gibt es Argumente. Aber verhalten müssen wir uns trotzdem.

Das dürfte in dieser Krise nicht nur für jeden Privatmenschen gelten, sondern auch für diejenigen, die über den Umgang mit dem Virus zu entscheiden haben. Und für diejenigen, die die Politik beraten. Ideologisch motiviertes Handeln, verbrämt hinter schönen Worten, lässt sich unseren Regierenden oft unterstellen – hier wahrscheinlich nicht, jedenfalls nicht bei den meisten Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie.

Sinnvolle Alternative zum Zweifel in der Corona-Krise: Der produktive Zweifel

Das bedeutet allerdings nicht, dass sie jetzt alles richtig machen. Es bedeutet auch nicht, dass jede Sorge, die Krisenkosten könnten später zum Beispiel als Vorwand für Sozialabbau dienen, unberechtigt wäre. Aber wer sich mit Recht berufen fühlt, auch jetzt demokratischen Widerspruchsgeist und staatsbürgerliche Widerständigkeit an den Tag zu legen, hat eine dritte, sehr sinnvolle Alternative: den produktiven Zweifel.

Das gilt zum einen für die Informationen und die politischen Entscheidungen in Sachen Corona. Um ein zentrales Beispiel zu nennen: Dass inzwischen der Vorrang des Lebenserhalts stärker unter dem Aspekt der Menschenwürde diskutiert wird, wie unter anderen Wolfgang Schäuble das initiiert hat, ist gar nicht hoch genug einzuschätzen. Solche Debatten können dazu beitragen, Irrtümer zu korrigieren.

Das gilt, zum anderen, beim Blick in die Zukunft: Wird klimaschädliches Wirtschaften gefördert, um die Konjunktur wieder in Gang zu bringen? Wer trägt die Kosten für die Sanierung der öffentlichen Haushalte? Was ist mit den Bürgerrechten, deren Einschränkung wir jetzt zähneknirschend hingenommen haben, und was mit einer am Gemeinwohl orientierten Gesundheitspolitik?

Das Schöne ist: Wer so fragt und damit den produktiven Zweifel pflegt, wird sich nicht als passives Objekt wahrnehmen, sondern trotz der Einschränkungen als aktiver Teil der Gesellschaft und ihrer Veränderung. Umso leichter wird sie oder er sich tun, vorübergehend auch mal Regeln einzuhalten, deren Sinnhaftigkeit sich allenfalls im Nachhinein vollständig beurteilen lässt.

Von Stephan Hebel

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