Den Tod von Menschen in Kauf nehmen, damit die Wirtschaft läuft? In einer Krise zeigt sich der wahre Charakter.
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Den Tod von Menschen in Kauf nehmen, damit die Wirtschaft läuft? In einer Krise zeigt sich der wahre Charakter.

Gastbeitrag

Corona: Wenn Unternehmer von Ethik reden

  • vonLothar Binding
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Alte isolieren, damit die Wirtschaft bald wieder brummt? Moral geht anders. Der Gastbeitrag.

Ausgerechnet der Ethikverband der Deutschen Wirtschaft hat jetzt Olaf Scholz kritisiert: „Insbesondere vom Bundesfinanzminister wünschen wir uns keine moralisierenden Totschlagargumente, die außer Acht lassen, dass es derzeit um Existenzen geht.“ Was hatte Olaf Scholz eigentlich gesagt? „Ich wende mich gegen jede dieser zynischen Erwägungen, dass man den Tod von Menschen in Kauf nehmen muss, damit die Wirtschaft läuft.“

Und das findet der sogenannte Ethikverband der Deutschen Wirtschaft falsch. Diese Kritik erklärt sich leicht, denn auf seiner Website findet sich der Satz: „Wir begleiten und beraten Unternehmen bei der Erarbeitung einer unternehmensgerechten Werteorientierung, eines unternehmensspezifischen Ethikkodex.“

Es geht nicht um menschliche Existenz - sondern um die Existenz von Unternehmen

Ziel des Verbandes ist es also nicht, unternehmerisches Handeln auf unsere allgemeinen ethisch-moralischen Wertevorstellungen zu orientieren. Nein, es geht darum, die Werteorientierung unternehmensgerecht zu erarbeiten, die Regeln einem „unternehmensspezifischen Kodex“ anzupassen.

Lothar Binding.

Verräterisch ist auch die Wortwahl „moralisierendes Totschlagargument“. Denn eigentlich orientiert sich der Satz von Olaf Scholz an unseren Moralvorstellungen zum Leben als höchstes Gut. Das Wort „moralisieren“ soll aber diese Vorstellungen in die Sphäre der Übertreibung rücken, ja vielleicht sogar des Unanständigen.

Der Verband betont, es gehe „derzeit um Existenzen“. Irgendwie lässt der Begriff „Existenzen“ noch offen, was gemeint ist. Aber an der Reaktion des Verbandes auf Olaf Scholz wird deutlich, dass es nicht um die menschliche Existenz geht, sondern um die Existenz von Unternehmen.

Gelegentlich wird vergessen, dass auch Unternehmen auf Dauer nicht ohne Menschen überleben können. Vielleicht noch in automatisierten Produktionsprozessen, aber selbst solche Unternehmen kommen auf Dauer nicht ohne Kundinnen und Kunden aus.

Ironischerweise verdanken die Unternehmer und Unternehmen ausgerechnet den Ministerinnen und Ministern der SPD besonders viel. Gerade diese Minister*innen haben geholfen, Hunderte Milliarden für Unternehmen und Arbeitnehmer verfügbar zu machen. Deshalb muss ein sogenannter Ethikverband nicht erklären, dass es um die Existenz von Unternehmen geht.

Eine Wirtschaft, die Erfahrung nicht zu schätzen weiß, ist nicht nachhaltig

Wie unethisch viele Unternehmen sind und handeln, natürlich in Übereinstimmung mit dem Ethikverband der Wirtschaft, ist leicht daran zu erkennen, wie Ressourcen verbraucht werden, wie unsere Meere aussehen, wie Kinderarbeit eingesetzt wird, wie viele Schwarzarbeitgeber es gibt oder auch beim Kampf um niedrige Tarife für Arbeitnehmer, bei vollen Taschen von Managern.

Dieser zynisch umgedeuteten Ethik setzen wir einen Ethikbegriff entgegen, der jeden Menschen gleich wertschätzt. Und der Idee, die Wirtschaft könne in aller Ruhe weiterlaufen, während man die Alten isoliert, werden wir nicht folgen. Eine Wirtschaft, die sich nur an der unmittelbaren Nützlichkeit orientiert, nur an der unmittelbaren Verwertbarkeit der Menschen, eine Wirtschaft, die Erfahrung nicht zu schätzen weiß, ist nicht nachhaltig.

Wer feierte eigentlich Corona-Parties?

Der Vorschlag, nur die Alten in Quarantäne zu stecken, zeigt noch etwas. Als die Nachrichten schon tagelang mit Corona-Informationen unterwegs waren, wer hat da noch Corona-Parties gefeiert? Bestimmt die Alten…

Unsere Wirtschaft und unser Bruttoinlandsprodukt wachsen seit über 70 Jahren in fast allen Jahren. Wenn sie nun in diesem Jahr etwas oder auch etwas stärker schrumpfen und wir würden auf dem Niveau von 2015 oder 2010 landen – wie dramatisch wäre das eigentlich wirklich?

Aus der Wirtschaft hören wir auch Stimmen, die sich den Ethikbegriff des Ethikverbandes der Deutschen Wirtschaft schon zu eigen gemacht haben. Hier ein Beispiel ( der „Botschafter“ ist namentlich bekannt): „Und ja, es sterben immer wieder auch ein paar jüngere Menschen. Aber erstens wird in den Medien nicht mehr unterschieden, ob die an oder mit Corona sterben; und außerdem ist das Leben einfach tödlich, ein gewisses Risiko hat man immer. […] Lockern Sie die Beschränkungen unter möglichst effektiver Isolation der Risikogruppen…. DAS ist alternativlos.“

Es zählt nicht das Alter

Auf dem Niveau des Ethikverbandes der Deutschen Wirtschaft gefragt: Wie viele Tote wäre diesem Verband denn ein voreiliges Hochfahren der wirtschaftlichen Aktivitäten wert?

Die Deutsche Gesellschaft für Geriatrie (DGG) und die Fachgesellschaften für Akut- und Intensivmedizin geben Hinweise, wie knappe Ressourcen während der Covid-19-Pandemie verteilt werden sollten. Danach soll nicht das kalendarische Alter als Entscheidungskriterium dafür genommen werden, ob Patienten behandelt werden oder nicht. Die Entscheidung solle sich stattdessen am Gesundheitszustand der Patienten und – falls möglich – an einer Patientenverfügung orientieren.

Wir beobachten erneut: In einer Krise zeigt sich der wahre Charakter.

Lothar Binding ist Chef der SPD-Arbeitsgemeinschaft 60plus.

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