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Gastbeitrag

Corona und Unterricht: Wie Schule das Lernen neu lernen kann

  • vonIlka Hoffmann
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Infektionsschutz und Bildung: Geht das zusammen? Ja, wenn wir die Atempause jetzt richtig nutzen. Der Gastbeitrag.

  • Die Corona-Krise beschäftigt die Schulen zunehmend. 
  • Geht Infektionsschutz und Bildung zusammen? 
  • Nur, wenn die aktuelle Atempause richtig genutzt wird. 

Der Druck, die Schulen wieder vollständig zu öffnen, wird größer. Die lange Phase von Fernlernen und Notbetreuung empfinden Eltern, Kinder und viele Lehrkräfte als belastend. Wir bewegen uns aber in einem Dilemma: Die Schulgebäude sind weiterhin so marode, wie sie schon vor der Pandemie waren, die digitale Ausstattung hat sich allenfalls minimal verbessert und die Hygienepläne können kaum eingehalten werden.

Infektionsschutz und Bildung: Schulen als Oasen der minimalen Infektionsgefahr? 

Während wir mit Mund-Nasen-Schutz einkaufen gehen müssen, die Abstandsregeln weiterhin gelten und kleinere „illegale“ Partys mit Bußgeldern belegt werden, sind Schulen – laut einigen Virologen – offenbar Oasen der minimalen Infektionsgefahr. Dabei hat auch die zweite Auswertung der umstrittenen Drosten-Studie ergeben: Kinder können andere anstecken, auch wenn sie selbst eine Infektion mit dem Coronavirus symptomfrei überstehen. Entsprechende Beispiele aus Tel-Aviv und Großbritannien stützen diesen Befund: Dort gab es nach einer vollständigen Öffnung eine hohe Infektionsrate und sogar Todesfälle unter dem Schulpersonal.

Vorsicht ist in der Schule während Corona-Zeiten geboten 

Vorsicht ist also weiterhin geboten. Die derzeitige Atempause sollten wir daher nutzen, um uns auf eine mögliche zweite Infektionswelle im Herbst vorzubereiten. Wollen wir eine gute Bildung mit einem vernünftigen Infektionsschutz verbinden, dann wird es wohl noch einige Zeit bei einer Kombination aus Präsenz- und Distanzlernen bleiben müssen. Dabei sollten wir Folgendes beachten:

1. Die Klassenräume sind zu eng, um bei normalem Schulbetrieb Abstandsregeln einzuhalten. Bei der Anmietung externer Räumlichkeiten, wie sie von manchen gefordert wird, bleibt das Problem der Betreuung ungelöst: Denn auch den teils dramatischen Lehrkräftemangel gab es schon vor Corona. Er muss bei der Gestaltung von Präsenzunterricht und Notbetreuung berücksichtigt werden.

Schule während Corona: Präsenzunterricht ist wichtig 

2. Für die kleineren Kinder ist Präsenzunterricht (und Betreuung) wichtiger als für die größeren. Letztere können zudem besser mit dem (digitalen) Fernlernen umgehen. Die Anstrengungen sollten also auf die Grundschulen und auf die Kinder, die Lernprobleme haben, fokussiert werden.

3. Als Basis des Unterrichts sollten Lernpläne dienen, die so gestaltet sind, dass sie in den Distanzlernphasen von den Kindern und Jugendlichen selbstständig bearbeitet werden können.

4. Die Präsenzphasen sollten in festen, kleinen Gruppen stattfinden. Sie dienen der Vor- und Nachbereitung der Distanzlernphasen.

Ilka Hoffmann ist im Vorstand der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) zuständig für Schule.

5. Bei Fragen zu den Lernplänen sollten die einzelnen Lehrkräfte zu bestimmen Zeiten per Telefon oder digital zu erreichen sein. Dies gilt auch für mögliche Nachfragen der Eltern. Feste Sprechzeiten und Terminabsprachen sind notwendig, um der ständigen Verfügbarkeit der Lehrkräfte und der Frustration von Eltern und Lernenden vorzubeugen.

6. Für die allgemeine Besprechung von Lerninhalten und die Organisation der Lernprozesse könnten Videokonferenzen mit der ganzen Klasse eingerichtet werden. Die Schulbehörden sollten die Schulen bei der Wahl der richtigen und datensicheren Tools unterstützen.

7. Beim Datenschutz muss nachgebessert werden. Dies ist am einfachsten dadurch möglich, dass alle Lernenden von der Schule mit passenden Endgeräten ausgestattet werden, auf denen die nötigen Apps, Links, Plattformen und Lernprogramme bereits unter Beachtung der nötigen Sicherheitsstandards vorinstalliert sind.

Schule während Corona-Zeiten: Abstriche bei den Lehrplänen 

8. Weniger ist mehr: Bei Lehr- und Stoffverteilungsplänen müssen Abstriche gemacht werden. Es sollte an den Kernkompetenzen und dem Interesse der Lernenden angeknüpft werden. Dafür brauchen die Schulen Freiräume und Unterstützung.

9. Die Schulträger müssen die Ferien nutzen, um sowohl beim Arbeits- und Gesundheitsschutz als auch bei der digitalen Ausstattung der Schulen nachzubessern.

Die Interessen der Eltern, des Schulpersonals und der Öffentlichkeit gehen zum Teil weit auseinander. Da hilft nur eines: vernünftiges Abwägen und Dialog. Anstatt auf Schnellschüsse zu setzen, sollten wir gemeinsam überlegen, was geht und was nicht.

Was können wir aus der Krise lernen? Ist der Fokus auf Prüfungen, Zensuren und „Stoff“ der richtige? Lässt sich Pädagogik nicht auch anders denken? Brauchen wir diese Stoffhuberei auch noch in den Ferien oder sollten wir hier nicht zum Ausgleich mal sportliche und künstlerische Angebote machen? Vielleicht freuen sich auch Freiberufler, die von dieser Krise besonders betroffen sind, wenn sie dabei zum Einsatz kommen.

Wir brauchen Mut und Kreativität und kein Festhalten an dem verstaubten Bild der Schule als Aufbewahrungs- und Lehranstalt.

Von Ilka Hoffmann 

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