Die Stadt Verl hat im Juli nach positiven Corona-Tests bei zahlreichen Tönnies-Mitarbeitern Quarantäne für einige Wohnhäuser in einer Siedlung im Stadtteil Sürenheide angeordnet.
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Die Stadt Verl hat im Juli nach positiven Corona-Tests bei zahlreichen Tönnies-Mitarbeitern Quarantäne für einige Wohnhäuser in einer Siedlung im Stadtteil Sürenheide angeordnet.

Gastbeitrag

Corona und Armut: Das Virus der Ungleichheit

  • vonChristoph Butterwegge
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Von der Pandemie sind Ärmere am stärksten betroffen: Sie infizieren sich leichter und leiden mehr unter den finanziellen Lasten. Das müsste nicht so sein.

In der Vergangenheit haben Seuchen bisweilen zur Verringerung der Ungleichheit beigetragen, wenn auch meistens nur für kurze Zeit. Als Paradebeispiel gilt die mittelalterliche Pest, nach der die Lebensmittel-, Boden- und Immobilienpreise wegen ausbleibender Käufer sanken, während die Löhne mangels Arbeitskräften stiegen. Das als Sars-CoV-2 bezeichnete Coronavirus hat dagegen mit den bakteriell ausgelösten Epidemien des 19. Jahrhunderts – Cholera, Tuberkulose und Typhus – gemeinsam, die Immun- und Finanzschwächsten am stärksten zu treffen.

Sozial bedingte Faktoren erhöhen das Risiko für eine Infektion mit dem neuartigen Coronavirus sowie für einen schweren Krankheitsverlauf. Dazu gehören Vorerkrankungen wie Asthma, Rheuma oder Raucherlunge, katastrophale Arbeitsbedingungen wie in der Fleischindustrie und hygienisch bedenkliche Wohnverhältnisse wie in den Gemeinschaftsunterkünften von Geflüchteten, Werkvertragsarbeitern deutscher Großschlachtereien oder Saisonarbeitern in der Landwirtschaft

Corona zeigt: Ohne Regeleinkünfte kein Auskommen

Bisher galt wegen der niedrigen Lebenserwartung von Armen, die rund zehn Jahre unter der von Wohlhabenden und Reichen liegt, die zynische Faustregel: Wer arm ist, muss früher sterben. Seit der Covid-19-Pandemie kann man sie abwandeln: Wer arm ist, muss eher sterben.

Kurzarbeit für sieben Millionen Beschäftigte sowie Geschäftsaufgaben und Entlassungen, beispielsweise in der Gastronomie, der Touristik und der Luftfahrtindustrie haben zu drastischen Einkommensverlusten geführt. Wie nie zuvor wurde erkennbar, dass ein großer Teil der Bevölkerung hierzulande nicht einmal für wenige Wochen ohne seine Regeleinkünfte auskommt – trotz eines verhältnismäßig hohen Lebens- und Sozialstandards im Weltmaßstab und entgegen allen Beteuerungen von etablierten Parteien und Massenmedien, die Bundesrepublik sei eine „klassenlose Gesellschaft“ mit gesicherter Wohlständigkeit all ihrer Mitglieder.

Der Autor

Christoph Butterwegge hat bis 2016 als Professor für Politikwissenschaft an der Universität zu Köln gelehrt. An diesem Mittwoch erscheint im PapyRossa-Verlag (Köln) sein Buch „Ungleichheit in der Klassengesellschaft“.

Großunternehmen krisenresistenter Branchen wie Lebensmittel- und Versandhandel, Digitalwirtschaft und Pharmaindustrie realisierten hingegen Extraprofite. Die lange Liste jener Konzerne, die von der pandemischen Ausnahmesituation profitiert haben, reicht von A wie Amazon bis Z wie Zalando. Auch wer einen Lieferservice, eine Drogerie oder einen Baumarkt besaß, der nicht geschlossen werden musste, konnte seinen Gewinn steigern.

Corona macht Aldi, Lidl & Co. noch reicher

Unter dem Druck der Rezession kauften mehr Familien bei Lebensmittel-Discountern ein, wodurch die Besitzer von Ladenketten wie Aldi Nord und Süd, die zu den vermögendsten Deutschen gehören, noch reicher geworden sein dürften. Schon vorher wurde etwa das Privatvermögen des Eigentümers von Lidl und Kaufland mit 41,5 Milliarden Euro veranschlagt. Außerdem rutschten mehr Girokonten von Geringverdienern ins Minus. Deshalb mussten gerade die ärmsten Kontoinhaber hohe Dispo- und Überziehungszinsen zahlen, wodurch die Besitzer von Banken ihr Vermögen gemehrt haben.

Die staatlichen Rettungspakete und Hilfen weisen insofern eine verteilungspolitische Schieflage auf, als sie hauptsächlich der Wirtschaft, großen Unternehmen und sozialversicherungspflichtig Beschäftigten zugutekommen, während Minijobberinnen, Transferleistungsbezieher und Kleinstrentnerinnen weitgehend leer ausgehen. Je umsatzstärker und kapitalkräftiger ein Unternehmen ist, desto stärker profitiert es von der zeitweiligen Mehrwertsteuersenkung, zumindest dann, wenn es sie nicht an seine Kunden weitergibt. Arme kaufen hingegen so gut wie nie hochpreisige Konsumgüter, bei denen die Steuerersparnis am meisten zu Buche schlägt.

Das Coronavirus wurde zu einem Katalysator der Krise des Sozialen

Dass die Reichen auf Kosten der Armen reicher und Letztere zahlreicher geworden sind, liegt an den Wirtschaftsstrukturen und Machtverhältnissen. Wie die meisten Länder ist die Bundesrepublik seit geraumer Zeit von einem Ungleichheitsvirus befallen, das unter dem Namen „Neoliberalismus“ firmiert.

Dabei handelte es sich zunächst um eine Wirtschaftstheorie, die zu einer Sozialphilosophie und Weltanschauung, ja zu einer politischen Zivilreligion wurde. Mit der Kernforderung nach Vermarkt(lich)ung aller Lebensbereiche übt sie maßgeblichen Einfluss auf die Entwicklung unseres Landes aus. Indem das Coronavirus den Polarisierungseffekt verstärkte, wurde es zu einem Katalysator der Krise des Sozialen.

Unsozial ist aber nicht Sars-CoV-2 oder Covid-19. Unsozial ist eine reiche Gesellschaft, die ihre armen Mitglieder zu wenig vor einer Infektion und den Verwerfungen der Pandemie schützt. (Von Christoph Butterwegge)

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