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Boris Palmer ist stolz auf sein Modellprojekt.
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Boris Palmer ist stolz auf sein Modellprojekt.

Steigende Inzidenz-Werte

Boris Palmer sieht sich als Denunziationsopfer: Corona-Modellprojekt in Tübingen scheitert

  • Katja Thorwarth
    vonKatja Thorwarth
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Der grüne Oberbürgermeister Boris Palmer lockert in Tübingen die Corona-Maßnahmen. Anschließend steigt die Inzidenz. Schuld sollen eingeführte Feindbilder sein. Ein Kommentar.

Boris Palmer, grüner Tübinger Oberbürgermeister, ist wieder einmal in aller Munde. Schon zu Beginn der Corona-Pandemie hatte er sich geschickt in den Vordergrund gespielt („Wir retten möglicherweise Menschen, die in einem halben Jahr sowieso tot wären“), um kurz danach den üblichen Palmerschen Twist zu vollziehen: alles nur ein Missverständnis bzw. „missverständlich“.

Der Tübinger Enkeltrick brachte ihm die ein oder andere Negativ-Schlagzeile, den ein oder anderen Auftritt bei Markus Lanz; mit seinem Modellprojekt hingegen versucht er aktuell die Einflussnahme in die bundesweite Politik. Nicht nur, dass er von strengen Maßnahmen nichts hält – in der schwäbischen Universitätsstadt werden bislang die Träume von einem Leben fast wie in Vor-Corona-Zeiten in Zeiten von Corona Realität. Und Palmer wäre nicht Palmer, würde er sich hierfür nicht von morgens bis morgens abfeiern.

Corona: OB Boris Palmer preist sein Tübinger Modell-Projekt an

Kein Tag vergeht, an dem auf Palmers Facebook-Seite die Stadt Tübingen nicht in gleißendem Sonnenlicht erstrahlt und als Erfolgsmodell gepriesen wird. Klar will die ganze Welt nach Tübingen, Schnitzel im Freien essen mit Weizen-Bier und Spätzle, und hinterher Shopping bis der Arzt kommt. Denn so clever sind sie nur dort: Testen, was das Zeug hält, und schon lässt es sich leben wie Gott im Jahr 2019. Ernüchternd dazwischen sind immer wieder nur die Infos an die da draußen im Corona-Dunkel: „Heute nicht nach Tübingen reisen. Die Tickets sind schon weg.“

Aber natürlich gibt es trotzdem keine Überfüllung, denn, wie eine Pressemitteilung verlauten lässt, sei „am vergangenen Samstag“ (27.03.2021) der Besucherstrom „in einem verträglichen Rahmen“ geblieben: „Die ohne steuernde Maßnahmen zu befürchtende Überfüllung der Stadt konnte vermieden werden. Es war immer möglich, ausreichend Abstand zu halten.“ Perfekt.

Tübingens OB Boris Palmer macht „junge Leute“ verantwortlich

Dass plötzlich graue Wolken über die Stadt im Schwäbischen ziehen, und zwar in Gestalt der Inzidenzzahl, hat damit ergo nichts, aber auch gar nichts zu tun. Von Donnerstag auf Sonntag hat sich der Wert von 35 auf 66,7 fast verdoppelt, obwohl alles doch so knorke läuft. Weshalb Boris Palmer aka „Sarrazin der Grünen“ sodann die wahren Schuldigen ausmacht.

Geschreddert werde demnach sein Corona-Super-Modellprojekt fantasielos von den „jungen Leuten“, die übrigens als die partywütigen Egomanen schon seit Beginn der Pandemie herhalten müssen. „Auf der Österbergwiese sammeln sich bereits wieder Hundertschaften junger Leute ... Wenn unser Modellprojekt scheitert, weil Abends die Viren verteilt werden, wird nicht nur Karl Lauterbach sagen, dass nur der Lockdown hilft.“ Dass sich beinahe in jeder deutschen Stadt, also nicht nur in Tübingen, die Menschen (übrigens auch die alten) im Freien sammeln, geschenkt.

Corona-Modellprojekt in Tübingen: Boris Palmer weist alle Schuld von sich

Es kann aber nicht sein, was nicht sein darf. Und weil die Partyfraktion als Schuldige alleine argumentativ ein bisschen dünn ist, waren’s denn auch ergänzend Geflüchtete – beziehungsweise ein Corona-Ausbruch in einer Erstaufnahmestelle. Sauber, Herr Palmer. Vor lauter Corona-Vorzeige-Lockerer wäre fast der Eindruck entstanden, der OB, in Selbstbezeichnung „Anti-Anti-Rassist“, betreibe die Provokation der linksversifft-empathiebesoffenen Gutmenschen nicht mehr als Kerngeschäft. Doch mitnichten.

Immerhin sprechen wir hier von Menschenansammlungen in dreierlei Ausprägung. Die eine ist Palmers Idee, die andere jugendlich und im Tätermodus gebrieft – und um die dritte hat er sich vermutlich zu wenig gekümmert. Wäre aber auch noch schöner, das eigene Scheitern zu hinterfragen und eben keine gegenwärtig gängigen Feindbilder als Ersatzschuldige zu bemühen. Ginge ja auf Kosten der populistisch zelebrierten deutschen Gemütlichkeit, und auf die lässt Palmer nichts kommen.

Corona in Tübingen: Boris Palmer macht sich zum Opfer und spricht von „denunzieren“

P.S.: Ein Kommentar wird für gewöhnlich nicht geupdatet, ein Postskriptum sei hingegen gestattet. Boris Palmer geht allzu fahrlässig mit dem Begriff der Denunziation, genauer dem denunzieren um. „Es gibt wohl niemand, die mich so konsequent denunziert wie die Kolumnistin der FR“, womit wohl ich gemeint sein dürfte. Als Beweis liefert er neben dem oben stehenden Kommentar Sexismusvorwürfe, die ihm vor Veröffentlichung vorlagen, und die eidesstattlich erklärt wurden. Aber um dem Oberbürgermeister einer Universitätsstadt Nachhilfe zu geben: Denunziation, hier in Verbform verwendet, meint „Anzeige erstatten“ gegenüber einer übergeordneten Institution.

Eine weitere Bedeutung wäre gemäß Duden, jemanden „als negativ hinstellen, brandmarken, öffentlich verurteilen“. Damit diskreditiert Palmer schlicht die journalistische Textsorte Kommentar und verleugnet gleichsam sein eigenes Handeln. Das ist nämlich belegbare Grundlage, und die kann sein Twist als vermeintliches Denunziationsopfer auch nicht verschleiern. (Katja Thorwarth)

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