Dr. Uwe Denker fordert die medizinische Grundversorgung für alle ohne Vorbedingungen. 
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Dr. Uwe Denker fordert die medizinische Grundversorgung für alle ohne Vorbedingungen. 

Dr. Hontschiks Diagnose 

Eine Million Menschen leben in Deutschland ohne Krankenversicherung: Gesundheit ist ein Menschenrecht

  • Bernd Hontschik
    vonBernd Hontschik
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Eine Million Menschen sind immer noch ohne Krankenversicherung. Die Pandemie macht das Problem sichtbar.

Anstatt in den Ruhestand zu gehen, eröffnete der Segeberger Hausarzt Dr. Uwe Denker vor zehn Jahren eine „Praxis ohne Grenzen“. Dort werden alle Patienten umsonst behandelt. Ärztliches und Pflegepersonal arbeitet ehrenamtlich, telefonische Beratung findet jeden Tag statt, auch am Wochenende. Miete, Versicherungen, Anschaffungen und Medikamente, auch Krankenhausbehandlungen werden durch Spenden finanziert. 

Dr. Denker hatte Obdachlose, Menschen ohne Papiere und Flüchtlinge als Patient*innen erwartet. Die kamen zwar auch, aber dazu gesellte sich eine große Zahl von ehemaligen Mittelständlern und Selbständigen zwischen 50 und 60 Jahren. Aus der einen Praxis sind inzwischen zehn geworden, verteilt über Norddeutschland.

Eine Million Deutsche haben keine Krankenversicherung – Das passt nicht zum Selbstbild des Sozialstaats

Es ist weitgehend unbekannt, dass es in unserem Land Menschen gibt, die keine Krankenversicherung haben. Dass es sehr viele sind, hunderttausende, wahrscheinlich sogar mehr als eine Million, passt nicht zu unserem Selbstbild des lückenlosen Sozialstaats. Als die damalige Gesundheitsministerin Ulla Schmidt im Februar 2007 ihr „Gesetz zur Stärkung des Wettbewerbs in der gesetzlichen Krankenversicherung“ vorstellte, sagte sie: „Jede und jeder ist künftig gegen das Krankheitsrisiko versichert. Für Menschen ohne Schutz heißt es jetzt: Willkommen in der Solidarität!“ Das Problem schien gelöst.

Aber daraus ist leider nichts geworden. Im Gegenteil. Eingeführt wurde mit ihrem Gesetz nämlich kein Recht auf Krankenversicherung, sondern nur eine Versicherungspflicht. Die führte aber nicht zum Schutz der bislang unversicherten Personen, sondern zu deren Insolvenz. Jetzt waren sie zwar alle versichert, aber sie konnten es nicht bezahlen, und so verloren sie den schönen neuen Versicherungsschutz gleich wieder. Es entstanden Beitragsrückstände in Höhe von vielen Milliarden Euro.

Arzt Dr. Denker fordert: Medizinische Grundversorgung ohne Vorbedingung

Seit zehn Jahren fordert Dr. Denker, gemeinsam mit vielen Anderen in ganz Deutschland, dass die medizinische Grundversorgung für alle Menschen ohne Vorbedingungen gewährleistet sein muss. Gesundheit ist ein Menschenrecht. Die Notfallversorgung für Nichtversicherte in Praxen und Krankenhäusern müsse garantiert sein. Aber niemand hat je auf ihn gehört. Zwar wurde er in einer großen Umfrage norddeutscher Medien zum „Helden des Nordens“ gewählt, und in Kürze erhält der 81-Jährige sogar das Bundesverdienstkreuz. 

Diese Ehrungen hat er verdient. Aber auch sein Bundesverdienstkreuz kann nichts daran ändern, dass Hunderttausende weiterhin unter uns leben, die ohne Aufenthaltsgenehmigung, ohne Papiere, ohne Krankenversicherung keine medizinische Versorgung erhalten. Viele leben versteckt und ängstlich, ein Arztbesuch könnte zur Abschiebung führen, denn das Sozialamt gibt die Daten an die Ausländerbehörde weiter. 

Corona-Krise macht Problem sichtbar: Ohne Krankenversicherung gibt es keinen Zugang zu Tests

Und dann kam Corona. Und plötzlich ist es evident, dass Geflüchtete, Obdachlose, Verarmte, Migrant*innen und alle anderen Menschen ohne Krankenversicherung keinerlei Zugang zu Coronatests haben, nicht erfasst und schon gar nicht behandelt werden. Die Pandemie macht den Skandal sichtbar. Die Pandemie macht keine Unterschiede. Dieses Problem lässt sich nicht mit Quarantäne lösen.

Dr. Uwe Denker und all die anderen Initiativen fordern die sofortige, ausnahmslose und dauerhafte Eingliederung aller unversicherten Menschen in das Krankenversicherungssystem. Haben wir es in diesen Tagen nicht immer wieder gehört, dass Gesundheit hundertprozentige Priorität habe? Das kann nun nachhaltig bewiesen werden! Denn wie sagte schon Johann Heinrich Pestalozzi vor zweihundert Jahren: „Wohltätigkeit ist die Ersäufung des Rechts im Mistloch der Gnade“.

Arzt und Autor Bernd Hontschik erhob jüngst in einem Interview schwere Vorwürfe gegenüber Jens Spahn. Die Bevölkerung würde immer wieder in die Irre geführt. Außerdem sprach er über die Lehren aus der Corona-Pandemie und alternative Modelle der Daseinsvorsorge.

Kolumnist Bernd Hontschik macht von heute an Sommerpause. Mitte Oktober geht es dann im 14-Tage-Rhythmus weiter mit Dr. Hontschiks Diagnose. 

Dr. med. Bernd Hontschik ist Chirurg und Publizist. www.medizinHuman.de

Aktuell von ihm im Buchhandel:  „Erkranken schadet Ihrer Gesundheit“. 

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