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Coronavirus: Macht die Isolation von Risikogruppen Sinn?

Analyse

Frisst die Angst vor Corona das Recht von Minderheiten?

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Jetzt wird über die Isolation von „Risikogruppen“ wegen des Coronavirus diskutiert. Aber das wäre ungerecht und unpraktikabel. Die Analyse.

Kanzleramtsminister Helge Braun scheint genau zu wissen, wie der Exit aus dem strengen Lockdown wegen der Corona-Pandemie aussehen muss. „Junge Menschen, die nicht zu den Risikogruppen gehören, dürfen wieder mehr auf die Straße“, ließ er kürzlich in einem Social-Media-Chat wissen.

Vorher hatte Braun im „Spiegel“ erklärt, wie die „Umkehrisolation“ funktioniert: „Die jüngere, gesunde Bevölkerung kann dann wieder zu einem tendenziell normalen Leben übergehen. Die älteren und vorerkrankten Patienten werden auch dann weiter mit Einschränkungen leben müssen.“

Coronavirus: Isolation für Risikogruppen?

Es klingt einfach: Risikogruppen werden per Auflagen weiter isoliert, der Rest geht wieder zum Party-Alltag über und die lädierte Wirtschaft kann sich erst mal erholen. Auch wenn Letzteres zu wünschen ist – mit dem sozialen Ausschluss von Millionen Menschen wäre es zu teuer erkauft.

Helge Braun redet hier offensiv der Spaltung der Gesellschaft das Wort. Wer, wie die Autorin dieses Beitrags, Angehörige hat, die mutmaßlich zu einer Risikogruppe gehören, traut angesichts der aktuellen Debatte den eigenen Augen und Ohren nicht mehr. Ist das das gleiche Land, in dem bis vor kurzem der Ruf nach Inklusion in fast aller Munde war?

Isolation wegen Coronavirus: Millionen wären betroffen

Dass die Teilisolation funktionieren könnte, ist ohnehin mehr als fraglich. „Risikogruppe“ für schwere Covid-19-Verläufe – das meint ja nach gängiger Definition nicht nur Ältere. Dazu werden auch Millionen andere gezählt: Diabetiker, Menschen mit bestimmten Querschnittlähmungen oder beschränktem Lungenvolumen, Menschen, deren Immunsystem etwa wegen schweren Rheumas oder Multipler Sklerose oder nach einer Organtransplantation teilweise unterdrückt wird. Als stärker gefährdet gelten auch die etwa 100.000 Dialysepatienten.

Es gehört zu den Errungenschaften dieses Landes, dass viele dieser Menschen normal teilhaben am sozialen Leben, an schulischer Bildung und beruflichem Aufstieg. Das würde durch monatelange Isolierungsauflagen aufs Spiel gesetzt.

Corona: Isolation von Risikogruppen gefährdet soziale Teilhabe

Wen das Coronavirus aber wirklich mehr gefährdet, ist keineswegs klar. Wer also sollte nach der Braun’schen Exit-Logik weiter Isolierungsauflagen bekommen: nur die topfitte Diabetikerin, die Langstrecken joggt – oder auch der 40-jährige Kettenraucher, bei dem bisher keine chronische Erkrankung aktenkundig ist? Alle Organtransplantierten – oder bestimmte Gruppen nicht?

Zum Beispiel gibt es erste Hinweise aus Italien, dass nierentransplantierten Kindern keine schwereren Verläufe drohen als ihren gesunden Altersgenossen. Müssten sie als Immunsupprimierte dann trotzdem zu Hause bleiben, wenn die Schulen und Kindergärten wieder öffnen, müssten monatelang ihrem Sportverein oder dem Orchester fernbleiben? Oder bliebe ihnen der Klageweg vor die Gerichte?

Coronakrise: Teilweise Isolierung funktioniert nicht

Schlicht nicht umsetzbar wäre eine Teilisolierung mutmaßlicher Risikogruppen, wenn sie mit anderen zusammenleben. Auf Twitter fragt sich zum Beispiel „Anna Konig“, deren Sohn eine Autoimmunerkrankung hat, „wie ich ihn konsequent über Monate von uns isolieren soll? Wenn seine kleinen Geschwister zur Schule gehen und wir mit Öffentlichen zur Arbeit fahren?“

Konsequenterweise müssten auch Anna Konig und alle nahen Angehörigen chronisch Kranker in Dauerquarantäne versetzt werden, inklusive Homeoffice, Heimbeschulung und so weiter. Denn sonst sind die Chroniker nicht wirklich geschützt.

Coronavirus: Sanktionen wegen Verstößen gegen Isolation?

Völlig absurd wird es, wenn man nach Sanktionen bei Verstößen gegen die Umkehrisolation fragt. Wenn Eltern ihr asthmakrankes Kleinkind doch mal auf den Spielplatz zu anderen lassen würden – drohte ihnen nur ein Bußgeld, oder verweigert die Kasse die Übernahme der Behandlungskosten im Fall von Covid-19?

Für viele Betroffene tun sich angesichts solcher Szenarien Abgründe auf, Abgründe der Ohnmacht und der Angst vor sozialer Ausgrenzung, neben der Angst vor dem Virus, die ja ohnehin da ist. Es kann zwar sein, dass eine längere Selbstisolation bestimmter Hochrisikogruppen nötig wird – aber sie darf nicht staatlich verordnet sein oder zur gesellschaftlichen Erwartungshaltung werden.

Coronavirus: Freiwillige Quarantäne statt Auflagen und Zwang

Statt Quarantäne-Auflagen brauchen diese Menschen Anreize und öffentliche Hilfen, die sie dabei unterstützen, freiwillig länger zu Hause zu bleiben. Ohne Nachteile im Job, der Schule oder sonst wo. Viele von ihnen tun das ohnehin, ihre Vernunft und Einsichtsfähigkeit sind groß.

Verordnete Freiheitsbeschränkungen müssen ständig aufs Neue begründet werden, wenn sie für alle gelten. Das gilt aber erst recht, wenn sie nur für einen Teil der Bevölkerung aufrechterhalten werden. Denn dann besteht auch noch der Verdacht diskriminierender Ungleichbehandlung.

Um die Pandemie wirksam zu bekämpfen, werden jetzt deutlich mehr Tests sowie konsequente, schnelle Quarantäne-Auflagen für Infizierte und ihre Kontaktpersonen vorgeschlagen. Das ist der richtige Weg, nicht der, Menschen mit Vorerkrankungen, Junge und Alte, auszuspielen gegen den Rest der Gesellschaft. Sonst frisst das Virus, oder die Rezessionsangst, das Recht aller auf Teilhabe – und den Zusammenhalt im Land.

Von Ursula Rüssmann

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