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Der Grundlsee in Österreich.

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Corona: Das prekäre Geschäft mit dem Reisen

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In der Reisebranche braucht es andere soziale Standards. Und Touristen müssen akzeptieren, dass der Urlaub teurer wird. Ein Kommentar.

Alles soll jetzt widerstandsfähiger gemacht werden gegen so etwas wie eine Pandemie. In der Tourismusbranche ist es damit allerdings nicht so weit her. Das hat vor allem zwei Gründe. Erstens reagiert die Branche extrem sensibel auf Schockhaftes: Terror, Krieg, Flugzeugabstürze oder eben Pandemien. Zweitens sind mit einem extrem schnellen Wachstum der Branche sogenannte schlanke Strukturen entstanden, die sich durch eine ebenso extreme Labilität auszeichnen. Mit Kleinstunternehmen, (Schein)-Selbstständigen und allen anderen Spielarten atypischer Beschäftigung.

Und es gibt einige wenige ganz Große, wie die globale Nummer eins TUI. Dass auch der weltgrößte Reisekonzern durch den Lockdown nebst Reiseverboten in rasanter Geschwindigkeit in die Tiefe gezogen wird, zeigt, wie anfällig die Branche ist. Anfang März kam das Geschäft praktisch zum Erliegen. Ohne einen 1,8-Milliarden-Euro-Schnellkredit von der staatlichen KfW wäre das Unternehmen binnen weniger Wochen in die Insolvenz gestürzt. Und trotz der staatlichen Hilfen stellt Vorstandschef Fritz Joussen nun 8000 Arbeitsplätze zur Disposition, um sein Unternehmen resilienter zu machen. Sehr komplizierte Verhandlungen mit den Arbeitnehmervertretern stehen an.

Sicher ist derzeit nur, dass nichts sicher ist: Niemand weiß heute, wann und wie der Tourismus wieder auf die Beine kommt. Diese höchst prekäre Situation erhöht auch den Druck auf die Politik dramatisch. Deutliches Zeichen dafür sind die hektischen Verhandlungen über Grenzöffnungen, die nicht zufällig von Österreichs Kanzler Sebastian Kurz mit Vehemenz vorangetrieben werden. Kurz hat Instinkt für richtiges Timing. Die Volkswirtschaft seines Landes ist massiv vom Tourismus abhängig, der etwa 15 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung ausmacht. Kurz weiß, dass er nun alles tun muss, um Sommerfrischler ins Land zu holen. Ansonsten droht ein Kollaps, der auch nicht mehr mit staatlichen Hilfsprogrammen aufgehalten werden könnte. Das Geschäft mit dem Urlaub ist tief in die österreichische Volkswirtschaft eingebettet: bis zur Sägemühle und der Schreinerei, die auf Aufträge zur Bestuhlung von Gaststuben angewiesen sind.

In Spanien und Italien ist die Lage wegen der schlanken Strukturen noch schlimmer. In Hotels und Gastronomie hat sich eine informelle Ökonomie breitgemacht – vornehm formuliert. Im Klartext: Systematische Schwarzarbeit, Steuer- und Sozialabgabenhinterziehung werden vor allem in Italien von der Politik stillschweigend toleriert. Nur so sind die preiswerten Urlaube mit gutem Essen möglich, die deutsche Touristen zu schätzen wissen.

Es ist deshalb auch kein Zufall, dass sich jetzt ausgerechnet der EU-Wirtschafts- und Währungskommissar Paolo Gentiloni für Grenzöffnungen exponiert. Als ehemaliger italienischer Regierungschef weiß er, welche Katastrophe droht, wenn die Sommersaison ausfällt. Vor allem im Süden des Landes drohen Tausende Kleinbetriebe und ihre sozial kaum abgesicherten Beschäftigten ins Nichts zu stürzen. Sowohl die Hoteliers als auch ihre schlecht bezahlten Bediensteten haben auch in guten Zeiten von der Hand in den Mund gelebt. In italienischen Medien wird bereits heftig darüber diskutiert, wie Mafia-Organisationen die Lage ausnutzen, weil sie Soforthilfen mit Bargeld offerieren.

Wohlweislich fordert Gentiloni, dass die EU schnellstmöglich großzügige Zuschüsse zur Verfügung stellt, die nicht mehr zurückgezahlt werden müssen. Damit lässt sich aber bestenfalls kurzfristig die schlimmste Not beheben. Langfristig wird noch viel mehr benötigt: einheitliche Sozialstandards in der EU, die auch auskömmliche Mindestlöhne für jedes Land definieren, nebst Beiträgen für Renten- und Arbeitslosenversicherungen. Die Behörden müssen ferner dafür sorgen, dass unter anderem die Mindestlöhne auch eingehalten werden. Das werden mühsame Lernprozesse. Auch für Touristen, denn die müssen akzeptieren, dass der Urlaub teurer wird.

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