+
Hilfsorganisationen wie die SOS-Kinderdörfer können geflüchteten kindern auf Lesbos nicht mehr beistehen. 

Flüchtlingslager in Griechenland

Corona-Party unter griechischer Sonne, oder: Eine beispiellose Inhumanität

  • schließen

Die griechischen Behörden wollen in den Flüchtlingslagern einen Ausbruch des Coronavirus verhindern. Mit womöglich lebensbedrohlichen Maßnahmen. Ein Kommentar. 

Die Coronakrise dominiert weltweit die Nachrichten. Immer neue Zahlen werden im Minutentakt kommuniziert, Maßnahmen, die viele Lebensbereiche radikal einschränken, erlassen und verschärft.

Coronavirus - griechische Behörden reagieren

Betroffen sind seit Dienstag auch die Flüchtlingslager in Griechenland. Dort haben die Behörden erste Vorsichtsmaßnahmen verhängt, die die Verbreitung beziehungsweise einen Ausbruch von Coronaviruserkrankungen verhindern sollen. Für die Menschen vor Ort kann das lebensbedrohliche Auswirkungen haben.

Zur Erinnerung: In Moria beispielsweise leben mehr als 19.000 Menschen, obwohl das Lager für nur 3000 konzipiert ist – entsprechend unmenschlich, beengt und geprägt von zwischenmenschlichen Spannungen ist die Situation. Dort teilen sich 167 Leute eine Toilette und mehr als 240 eine Dusche, von katastrophalen hygienischen Bedingungen ist schon lange die Rede.

Auf dem Laufenden bleiben:

Die neuesten Entwicklungen zur Corona-Pandemie und anderen wichtigen Themen einmal täglich direkt aus der FR-Redaktion per Mail – kostenlos.

Jetzt hier den Newsletter abonnieren.

Nun soll das Verlassen sämtlicher Lager nur noch mit polizeilicher Erlaubnis möglich sein, die Bewegungen werden generell weitestgehend eingeschränkt. Zusätzlich sind für 14 Tage Besuche verboten, was auch die Mitarbeiter von Hilfsorganisationen betrifft, die nicht mehr unterstützend wirken können.

Menschenansammlungen wegen Corona vermeiden - und in Moria?

Eine tägliche Desinfizierung der Lager wurde angekündigt, was jedoch die Hygieneverhältnisse nur rudimentär verbessern dürfte. Weiter wird der Unterricht für Kinder eingestellt, betroffen sind ebenso sportliche Aktivitäten sowie die Nutzung der Bibliotheken. Essen würde nur noch an Gruppen ausgegeben, Isolierstationen in Betrieb genommen.

Betrachtet man die Situation auf den griechischen Inseln und setzt sie in Beziehung zu den Maßnahmen, die allenthalben als Schutz gegen das Virus angeraten werden, gemahnen die Vorkehrungen an einen sehr schlechten Scherz. Zunächst einmal leben dort 40.000 Menschen auf engstem Raum, auf dem weder ein regelmäßiges Waschen der Hände noch körperlicher Abstand gewährleistet ist. Mit dem Ausgehverbot wird im Gegenteil eine Zerstreuung explizit verhindert.

Hinzu kommt, dass die ohnehin depressive, suizidale und explosive Grundstimmung durch die Wegnahme verschiedener Ablenkungen noch verschärft werden dürfte. Man kann die Situation dort ja nicht mit europäischen Verhältnissen vergleichen, wo eine Quarantäne oder der Zwang, zuhause zu bleiben, in den meisten Haushalten psychosozial kompensiert werden kann.

EU muss Geflüchtete aus den Lagern holen

Florian Westphal, Leiter der deutschen „Ärzte ohne Grenzen“, hat in einem Interview mit der „Welt“ bereits vor den Folgen der unzureichenden Unterbringung der Geflüchteten gewarnt. Dort berge jede Infektionskrankheit „ein enormes Risiko: Ob es sich um Masern, Hepatitis A oder eben um Covid-19 handelt. … Es wäre unmöglich, unter den unhygienischen Bedingungen in Moria einen Ausbruch einzudämmen.“ Um das zu verstehen, muss man übrigens kein Arzt sein, sondern sich einfach nur die Bilder aus den Lagern anschauen.

Die Ignoranz der europäischen Politik und ihrer Protagonisten insbesondere auch in Deutschland hat schon vor der Coronakrise eine beispiellose Inhumanität offenbart. Daher ist zu erwarten, dass die EU weiter tatenlos zusieht, wie Tausende einer gefährlichen Situation ausgesetzt werden – die absurderweise als Hilfsmaßnahme verkauft wird.

Andernorts stehen Versammlungen unter Strafe und wer nicht alle fünf Minuten seine Hände wäscht, setzt sich zumindest der sozialen Ächtung aus, aber Geflüchteten ist die erzwungene körperliche Nähe ohne adäquaten Schutz offenbar zuzumuten. Sozusagen eine große Corona-Party unter der griechischen Sonne.

Will die EU nicht den letzten Rest ihrer humanitären Glaubwürdigkeit verlieren, muss sie die Menschen schleunigst aus den Lagern holen. Sie muss ihnen den Schutz vor dem Virus gewähren, den sie als notwendig ausweist. Und ihnen endlich ein menschenwürdiges Leben ermöglichen.

Von Katja Thorwarth 

Wege des Coronavirus könnte Deutschland bald eine Ausgangssperre verhängen. Wird es Ausnahmen geben? Was, wenn man dagegen verstößt? Alles, was wichtig ist.

Der Vorstandsvorsitzende des Weltärztebunds, Frank Ulrich Montgomery, spricht im Interview über Ausgangssperren, Grenzschließungen und gelebte Solidarität: "Vielleicht werden Ausgangssperren unumgänglich sein."

Geflüchtete leiden unter dem Coronavirus. Warum kann die Politik nicht auch schnell und „groß“ handeln, wenn es um pure Menschlichkeit geht? Ein Kommentar.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare