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Ostern ist eigentlich ein Fest des Lebens, doch wird in diesem Jahr von der Pandemie beherrscht – so auch in einem belgischen Schokoladengeschäft.

Leitartikel

Dieses Ostern ist anders – Corona überschattet das Fest des Lebens

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Ostern, eigentlich ein Fest des Lebens, wird von der tödlichen Corona-Krise beherrscht. Noch fehlt uns die Fähigkeit, gemeinsam mit den Folgen der Pandemie umzugehen.

Gibt es einen Begriff, der das Gefühl der Welt unter der Herrschaft Coronas beschreibt? Ist es Angst, Ohnmacht, Gefahr? Oder kommt der altmodische Ausdruck „Verheerung“ dem Eindruck am nächsten, den das Virus verbreitet? Verheerte Landschaften, wohin wir auch blicken – medizinische, ökonomische, mentale.

Seit sich die Seuche auf den Weg der Vernichtung gemacht hat, war sie ausgesprochen erfolgreich. Hat Allmachtsfantasien über die Beherrschbarkeit des Planeten zerschlagen, die Weltbevölkerung in Geiselhaft genommen und uns kollektiv vor Augen geführt, wie brüchig unser aller Existenz ist – egal, wie unermüdlich wir nach Sicherheit streben. Und nun, mitten im Krisengeschehen: Ostern.

Eigentlich ist Ostern das fröhlichste aller kirchlichen Feste. Gefeiert wird, wenn die Natur es satt hat, zu frieren, und den Frühling einbestellt. Wenn Buntheit angesagt ist statt trister Winterfarben und es die Menschen aus ihren Häusern treibt. Nicht zufällig ist der Osterhase ein Draußen-, kein Drinnen-Tier.

Corona entstellt die Feier des wiedererwachten Lebens

Grundiert wird die österliche Aufbruchstimmung durch die christliche Botschaft, die noch immer tief im kulturellen Gedächtnis verankert ist. Da steht Ostern auch jenseits des religiösen Wunderglaubens als Sinnbild für die Wiedererweckung zum Leben. Oder, wie es der Schweizer Schriftsteller Kurt Marti mal so schön sagte: Die Geschichte der Auferstehung ist eine „Protestnote gegen den Tod“.

Wie brutal anders jedoch die Botschaft, die diesmal mit Ostern verknüpft ist. Corona hat die Feier des wiedererwachten Lebens entstellt. Wen es am Sonntag wie in Goethes Osterspaziergang zu Strömen und Bächen zieht, der oder die steht unter strenger Beobachtung. Frühlingskleider will niemand kaufen, melden die Onlinehändler. Wozu auch, wem will man sie denn vorführen?

Stattdessen konzentriert sich das Bedürfnis nach Frischem und Neuem aufs Häusliche. Baumärkte und Möbelhändler machen ein gutes Geschäft. Dieses Jahr ist der Osterhase nicht mehr ein Draußen-, sondern ein Drinnen-Tier.

Zweifellos hat es die Pandemie geschafft, die Lebenslust vieler Menschen gehörig zu dämpfen und ihnen so das Osterfest zu verderben. Doch das ist eine banale Klage angesichts der Grausamkeit, die den Kern der symbolischen Osterbotschaft verzerrt. Wo es um den Sieg über den Tod gehen sollte, ist er selten so präsent wie in diesen Tagen. Und gleichzeitig so unterdrückt. Wie gehen wir um mit dem Tod durch Corona? Wie mit unseren Toten?

Die Seuche entmenschlicht das Sterben

Seit Wochen werden wir auf allen Nachrichtenkanälen fast stündlich mit neuen Statistiken konfrontiert, die uns über die Zahl der Gestorbenen unterrichten. Und je nackter die Ziffern daherkommen, desto mehr verschwinden die toten Menschen dahinter. Sie sind wie nicht gesehen.

Die Seuche entmenschlicht das Sterben, das individuelle Schicksal der Opfer, wie es sonst nur im Krieg geschieht. Und als wäre Krieg, wird den toten Körpern die letzte Würde genommen. Wie in den USA, wo Leichen mit Gabelstaplern in Kühllaster gehievt werden. Wie im Iran, wo Tote in Massengräbern verscharrt sind.

Schmerzhaft deutlich wird der Abriss humaner Tradition auch dort, wo Familien und Freunde ihren sterbenden Liebsten nicht mehr beistehen können. Wo medizinische Besorgtheit den menschlichen Umgang miteinander verbietet. Wo ist der Raum zu trauern, wenn Begräbnisse nur noch in kleinem Kreis stattfinden dürfen und Angehörige sich nicht in den Arm nehmen können, um Trost zu finden?

Corona durchwütet unser Leben

„Wir sind mit einem Abbruch der gewohnten Riten konfrontiert“, beobachtet der Tübinger Theologe Karl-Josef Kuschel. „Der Trauerritus hat eine seelisch stabilisierende Wirkung. Er wäre in dieser Zeit besonders wichtig, ist aber kaum noch möglich.“

Gleichzeitig fehlt die Totenklage – das nach außen gerichtete, öffentliche Trauern um die Verstorbenen. Haben Angst und Abwehr unsere Fähigkeit zum gemeinsamen Gedenken aufgefressen? Wollen wir bis zum Ende der Pandemie warten, um dann das Entsetzen durch hektische Nachholaktivitäten verdrängen zu können?

Als sich 1998 in Eschede das bisher schwerste Zugunglück in der Geschichte der Bundesrepublik ereignete, starben 101 Menschen. Der Schock erfasste nicht nur die Angehörigen, er erschütterte das ganze Land. Der Bundeskanzler und der niedersächsische Ministerpräsident fanden sich an der Unfallstelle ein; es gab einen großen ökumenischen Gottesdienst; der Bundespräsident persönlich verkündete den Termin für die zentrale Trauerfeier.

Und heute? Corona durchwütet unser Leben und hinterlässt uns – ja wie? Überfordert, entsensibilisiert, gefühlskalt? Die Seuche grassiert weltweit, doch jetzt nur für Deutschland gesprochen: Wo die gesamte Bevölkerung von einer Katastrophe betroffen ist, bei der Tausende Menschen sterben, braucht es zwingend kollektive Rituale der Trauerbewältigung. Selbst unter den derzeit erschwerten Bedingungen. Auch und gerade von Ostern her betrachtet.

Von Bascha Mika

Länder wie Italie oder Spanien brauchen dringend europäische Solidarität. Aber beim Video-Chat der Finanzminister war davon so gut wie nichts zu spüren. Ein Kommentar.

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