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Corona: Neue Zumutungen

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Von: Eva Quadbeck

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Nach erfolgreicher Impfung mit dem Impfstoff von Biontech/Pfizer erhalten die Teilnehmer kostenlos eine Bratwurst.
Nach erfolgreicher Impfung mit dem Impfstoff von Biontech/Pfizer erhalten die Teilnehmer kostenlos eine Bratwurst. © Hendrik Schmidt/dpa

Es wäre gut, wenn wir uns eine Debatte über eine Impfpflicht ersparen könnten. Denn sie hat das Potenzial, die Gesellschaft zu spalten. Der Leitartikel.

Mit welcher Wucht die vierte Welle der Pandemie tatsächlich noch vor der Bundestagswahl oder auch nach dem 26. September über Deutschland schwappen wird, kann niemand seriös vorhersagen. Die Dramatik hängt von der weiteren Entwicklung der Impfquote ab und davon, ob das Virus sich in weiteren Mutationen verbreiten kann.

Sicher aber ist, dass wir vor einem Herbst der Zumutungen stehen. Das Datum der ersten Zumutung ist schon festgelegt: Ab dem 11. Oktober müssen Ungeimpfte ihre Schnelltests selbst zahlen. Immerhin sollen sie getestet weiter den gleichen Zugang zu Veranstaltungen, Fitnessstudios, Gottesdiensten und anderen öffentlichen Räumen bekommen wie Geimpfte und Genesene erhalten. Verkürzt spricht man von 3G.

Die Ungeimpften werden sich aber nicht darauf verlassen können, dass sie auch im Oktober noch mit einem frischen Test ein Konzert besuchen können. Sollten die Infektionszahlen deutlich steigen, wird das öffentliche Leben auf 2G verkürzt werden müssen – damit wären die Ungeimpften außen vor, zumindest jene, für die die Ständige Impfkommission den schützenden Piks empfiehlt.

Schon jetzt entscheiden einzelne Veranstalter, nur noch Geimpfte und Genesene zuzulassen – wie beispielsweise der 1. FC Köln für seine Spiele. Dieser Trend wird sich fortsetzen.

Es wird dann auch egal sein, ob das eine oder andere Bundesland für die Gefahrenabwägung die Auslastung des Gesundheitssystems und die Impfquote zusätzlich heranzieht. Wenn die Infektionszahlen durch die Decke gehen sollten, steht die Gesellschaft vor der Frage: Nächster harter Lockdown oder Teilnahme am öffentlichen Leben nur für Geimpfte und Genesene. Die Ungeimpften sollten sich nicht der Illusion hingeben, dass der Rest der Gesellschaft bereit ist, für sie abermals in den Lockdown zu gehen.

Die Entscheidung für eine Impfung ist eine individuelle. Es ist dennoch nicht gleichgültig, ob sich ein Mensch impfen lässt oder nicht – so wie man bei bewölktem Himmel einen Regenschirm mitnimmt oder das Risiko eingeht, nass zu werden. Mit jeder Entscheidung gegen das Impfen steigt die Gefahr, dass sich die Pandemie durch weitere Übertragungen oder durch neue Varianten verlängert – worunter die gesamte Gesellschaft leidet.

Sich impfen zu lassen, ist also auch ein Gebot der Solidarität. Wer sich dagegen entscheidet, darf umgekehrt nicht erwarten, dass der Rest der Gesellschaft seinerseits übergroße Solidarität walten lässt. Im Gegenteil: Sollte es trotz des Impfangebots an alle erneut zu einer gefährlichen Corona-Lage kommen, wird sich die Debatte eher auf die Frage Impfpflicht als auf einen nächsten Lockdown drehen. In Frankreich gilt bereits eine Impfpflicht für bestimmte Berufsgruppen. Rein rechtlich wäre das auch in Deutschland möglich.

Es wäre gut, wenn wir uns eine Debatte über eine Impfpflicht ersparen könnten. Denn sie hat das Potenzial, eine Gesellschaft zu spalten, wie man auch in Frankreich sehen kann. Es sollte also – vor allem im Dienste der Pandemiebekämpfung – noch einmal alles unternommen werden, eine möglichst große Zahl an Bürgerinnen und Bürgern zu überzeugen, sich aus eigenem Antrieb impfen zu lassen. Positive Anreize wie kleinere materielle Vorteile von der Bratwurst bis zum Tombola-Los können sogar noch wirksamer sein, als die Aussicht auf kostenpflichtige Tests im Oktober.

Positive und negative Anreize werden aber nicht ausreichen. Notwendig sind noch mehr aufsuchende Impfangebote vor Ort. Impfbusse in sozial benachteiligten Vierteln und Hausärztinnen und -ärzte, die sich in gering besiedelten Gegenden auf den Weg zu den Ungeimpften machen.

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