Corona-Krise

Merkel hat geholfen, eine Katastrophe abzuwenden – aber Ruhm bringt sowas nicht

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In der Prävention liegt kein Ruhm: Die Politik hat zwar Gutes getan, muss aber auch damit leben, dass die Demokratie wieder Luft holt.

Deutschland hat in Zeiten der Viruskrise schon mal viel ruhiger und harmonischer gewirkt. Inzwischen aber wird nach und nach wirklich alles wieder hochgefahren – auch die Kritik an „denen da oben“.

Viele verunsichert das. Sie vermissen das fast feierliche Versammeltsein von allem und allen hinter der Kanzlerin. Tatsächlich aber ist, was jetzt kommt, nichts Schlechtes, eher das erfreuliche Lebenszeichen einer Demokratie, die lange genug den Atem angehalten hat. Die Stille in den Wochen des Lockdowns hatte von Anfang an etwas zutiefst Irreales. Dass diese Phase zeitlich eng begrenzt sein würde, konnte man ahnen, als sie begann.

Es ist in Ordnung, wenn jetzt die Grünen-Chefin Annalena Baerbock dem NRW-Regierungschef Armin Laschet mal richtig eins reintunkt: Warum die langen Wochen des Lockdowns nicht besser genutzt wurden, um die Schulen viel besser auf den Neustart vorzubereiten, fragte sie in einer Talkshow: Volltreffer.

Es ist auch das gute Recht unabhängiger Denker von Juli Zeh bis Wolfgang Schäuble, provozierende Thesen vom Stapel zu lassen. Dass ein radikaler Lockdown der Gesellschaft am Ende mehr schaden kann als die in früheren Jahren lautlos in Kauf genommenen 25 000 Grippetoten, ist ein Gedanke, der jedenfalls öffentlich diskutiert gehört – auch wenn er den Makel hat, dass Donald Trump und Boris Johnson aus der gleichen Haltung heraus ihre Nationen in ein Desaster gesteuert haben.

Die Politik, das ist wahr, darf nicht von Virologen diktiert werden. Aber wird sie das? Gewicht hatte von Anfang an auch, was die Soziologen sagen, die Ökonomen, die Psychologen. Keine Regierung der Welt rennt derzeit mit flatternden Fahnen in Richtung Schwarz oder Weiß. Alle lassen sich ein auf Schattierungen von Grau.

Jetzt würde ein Verzicht auf allzu schrille Töne sehr gut passen. Auffällig oft ist in den sozialen Netzwerken plötzlich wieder von „Idioten“ die Rede – wobei selbstverständlich stets jene gemeint sind, die eine andere Ansicht haben.

Nachdem die Deutschen in der Lockdown-Phase so wundersam vereint waren, wäre es gut, wenn sie nun in der Lockerungsphase nicht gleich wieder ins andere Extrem übergingen. Hier geht es nicht allein um eine Frage des Stils, sondern auch um eine Frage der Wahrhaftigkeit.

Schon sind wieder Scharfmacher unterwegs, die alle von Angela Merkel verkündeten Maßnahmen als „völlig übertrieben“ abtun – und auch schon wieder, ihren alten Routinen folgend, zur Merkel-muss-weg-Rhetorik zurückkehren. Die Wahrheit ist: Deutschlands Lockdown, der eher zu spät als zu früh kam, war kein Meisterwerk, vor dem man bis in alle Ewigkeit erschaudern muss. Aber er war immerhin geeignet, die Wucht einer exponentiell hochschießenden Viruswelle gerade noch rechtzeitig zu brechen. Merkel hat geholfen, eine Katastrophe abzuwenden – aber die Leute sind längst beim nächsten Thema. Prävention führt nie zum Ruhm: Das ist eine alte Weisheit unter Ärzten.

Merkel ist nicht wehleidig, sie kennt das Präventionsparadox. Schon in der Finanzkrise 2009 ging es ja heiter weiter – in einer Stimmung, wie sie wohl auch am Morgen des 15. April 1912 an Bord der „Titanic“ geherrscht hätte, wenn es dem Kapitän in der Nacht gelungen wäre, dem Eisberg auszuweichen: Warum knirschte und schlingerte das Schiff denn so? Ist nicht eine solche dramatische Kurvenfahrt auf hoher See völlig übertrieben?

Es würde Deutschland helfen, wenn die neu gewonnene Orientierung aufs Tatsächliche, aufs Wissenschaftliche, beim weiteren Weg durch diese Krise erhalten bliebe. Populistisches Gerede über „die da oben“ könnte ohnehin bald auf ganz neue Art verstummen – wegen möglicherweise besonders guter oder besonders schlechter Entscheidungen von „denen da unten“. Mehr denn je könnte es bald nicht nur auf die Kanzlerin ankommen und die mittlerweile leicht überbewerteten Ministerpräsidenten, sondern auch auf die praktisch wichtigsten Spieler, die Gesundheitsbehörden.

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