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Protest gegen Corona-Maßnahmen sollte nicht durch Verschwörungstheorien überdeckt werden. 

Protest gegen Corona-Maßnahmen

Protest gegen Corona: Dumme Parolen übertönen nur berechtigte Kritik

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Es gibt viel zu bemängeln an der Politik in der Corona-Krise. Aber wer sich in düstere Fantasien steigert, trägt nichts zur Besserung bei. Der Leitartikel.

Vielleicht war ja alles Mögliche falsch. Vielleicht hätte die Politik ganz anders mit Sars-CoV-2 umgehen können, mit weniger Einschränkungen der Bürger- und Freiheitsrechte. Vielleicht ist das Virus nicht so gefährlich, wie Regierungsbehörden es behaupten, vielleicht aber auch gefährlicher. Vielleicht haben amtliche Verlautbarungen den produktiven Zweifel, von dem der demokratische Diskurs lebt, tatsächlich eine Zeitlang viel zu sehr unter den Verdacht mangelnder Solidarität gestellt.

Protest gegen Corona-Maßnahmen sind teils legitim

Ja, es gibt viele Gründe, kritisch nachzufragen. Und wenn hier jeder der genannten Punkte mit einem „Vielleicht“ versehen ist, heißt das noch lange nicht, dass man sich keine Meinung darüber bilden sollte. Das tun viele kluge Menschen, und zwar, entgegen manchem maßlosen Vorwurf, in den „etablierten“ Medien ebenso wie in den „sozialen“. Und viele, die jetzt gegen die Einschränkungen demonstrieren, tun es eben auch.

Insofern wäre es töricht, den ganzen Protest pauschal als Aufmarsch der „Verschwörungstheoretiker“ abzutun. Problematisch wird es dann, wenn aus Kritik etwas anderes wird: eine von interpretierbaren, aber auch nachprüfbaren Fakten sich ablösende, in düstere Fantasiegebilde abdriftende Rechthaberei. Eine Flucht in abstruse, abgeschlossene Gedankengebäude, unzugänglich für jedes „Vielleicht“.

Lockdown-Beschlüsse in Zeiten von Corona

Noch einmal: Dem „Vielleicht“ Zutritt zu den eigenen Gedanken zu gewähren, bedeutet nicht, keine Meinung zu haben. Es bedeutet vielmehr, sich der Grenze zwischen einer auf Tatsachen basierenden Überzeugung und blanker Spekulation bewusst zu sein.

Nur zwei Beispiele. Erstens: Der Vorwurf, dass die Sprechweise der Regierenden in Zeiten derLockdown-Beschlüsse auf die Schaffung einer möglichst konformen, kritikfreien Stimmung in der Öffentlichkeit zielte, ist keineswegs weit hergeholt. Der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen hat das gerade treffend als „Diskurs-Tabuisierung“ bezeichnet.

So, wie Angela Merkel „Solidarität“ einforderte, und so wie sich Politik auf „die Wissenschaft“ berief, ohne deren Fähigkeit zum Irrtum zu benennen, entstand eine in der Tat kaum kritikfreundliche Atmosphäre: Wer zweifelte, konnte schnell in Verdacht geraten, die Erkrankung oder gar den Tod von Menschen in Kauf nehmen zu wollen.

Coronavirus - Von „dunklen Mächten geschaffen?

Auch Medien setzten zwar von Anfang an Fragezeichen, ließen sich aber im Augenblick der größten Unsicherheit gelegentlich zum willigen Weitertransport undurchlässiger Geschlossenheits-Parolen hinreißen. Das gab es, und zwar nicht nur „vielleicht“.

Aber gerade Menschen, die sich mit guten Gründen über diese Dinge beklagen, sollten sich vor denjenigen hüten, die ihnen etwas ganz anderes einreden wollen: dass es sich um eine von dunklen Mächten ausgeklügelte Strategie zur Verängstigung und Unterdrückung „des Volkes“ handele; dass man alles von Anfang an hätte besser wissen können, und zwar ganz genau; dass in den Redaktionsstuben unglaubwürdige Wissenschaftler gezielt zu „Experten“ herangezüchtet würden, um den Leuten systematisch die Unwahrheit als Wahrheit zu verkaufen; dass die wahre Wahrheit nur man selber kenne, und wer es anders sehe, sei ein Lügner oder hoffnungslos manipuliert.

Berechtigte Kritik in Corona-Zeiten wird unglaubwürdig

Diese Ausflüge ins Fantastische haben einen entscheidenden Fehler: Sie sorgen dafür, dass die berechtigte Kritik, von der sie ausgehen, durch ihre Überhöhung ins Maßlose und Dogmatische ihre Glaubwürdigkeit verliert und damit entwertet wird.

Es ist ein Unterschied, ob man feststellt, dass das Handeln unserer Regierung bestimmten ökonomischen Interessen dient, was sich an Beispielen durchaus nachweisen lässt – oder ob man sämtliche Politikerinnen und Politiker, nicht genehme Aussagen der Wissenschaft und „die Medien“ in einen Topf wirft und zu einer leicht verdaulichen, aber nährwertarmen Verschwörungssoße püriert.

Nicht viel anders sieht es – zweites Beispiel – im globalen Maßstab aus. Seit Jahren gibt es fundierte Kritik an der Rolle, die Bill und Melinda Gates in der internationalen Gesundheitspolitik spielen. Mit guten Argumenten wird darauf hingewiesen, dass schwerreiche Stiftungen anders als öffentliche Geldgeber nicht einmal theoretisch demokratischer Kontrolle und wirksamer Überprüfbarkeit ihrer Interessen unterliegen – von den Methoden, mit denen das Geld einmal angehäuft wurde, ganz zu schweigen.

Angst vor angeblichem Zwangsimpfen

Aber das ist etwas anderes, als diese produktiven Zweifel mit belegfreiem Raunen über angebliches Zwangsimpfen aller Menschen, am besten noch verbunden mit dem Einpflanzen von Mikrochips, zu verbinden. Noch einmal: Solche Dämonisierung, zu allem Überfluss oft verbunden mit antisemitischen Klischees, mag es erleichtern, die Welt eindeutig in Gut und Böse aufzuteilen. Aber einer kritischen Haltung, die über die eigene Filterblase hinaus überzeugen könnte, fügt es nur Schaden zu.

Das sollte sich in einer Welt, die Tausende Gründe zu zweifelnder Betrachtung bietet, niemand leisten. Es ist schwer genug, für grundsätzliche Kritik an den Verhältnissen Gehör zu finden. Wer wirken will, sollte sie nicht noch mit dummen Parolen übertönen.

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