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Auch Künstler wie Opernsängerin Anna Netrebko sind von der Corona-Krise schwer getroffen.

Kolumne

In der Corona-Krise vergisst die Politik die Kultur und Kunst

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Beim Fußball ist die Politik kreativ, während der Theaterbetrieb auf Lösungen wartet. Hersteller von Autos könnten hier Gutes tun, statt den Klimaschutz zu hintertreiben.

Ob Anna Netrebko unter der Dusche trällert, ist unbekannt. Jedenfalls hat sie ihre Gesangsausbildung nicht dafür absolviert. Insofern gibt es keinen Unterschied zu all den anderen Sängerinnen und Sängern, egal ob Koloratursopran, Heldentenor oder schwarzer Bass, egal ob Weltstar oder Nebenrolle. Die Beschränkungen durch die Pandemie beeinträchtigen sie nicht nur finanziell, sondern treffen sie ins Mark ihres Berufes. Sie brauchen die Bühne, ihr Publikum.

Noch nicht einmal richtig üben können sie in der Krise. Zu Hause könnten sich Nachbarn beschweren – außer vielleicht bei den ganz großen Weltstars – und in den Opernhäusern sind Proben derzeit stark eingeschränkt oder unmöglich. Mit eingerosteten Stimmen in eine neue Spielsaison starten will keiner von ihnen, und auch das Publikum dürfte anderes erwarten.

Corona-Krise: Politik kümmert sich bisher wenig um Kunst und Kultur

Die Politik hat derzeit anscheinend Wichtigeres zu tun, als sich um die Kunst und die sie Schaffenden zu kümmern. Zum Beispiel, den Fußball in die Stadien zurückzubringen.

Man hört und liest, Spiele müssten unbedingt schnell wieder stattfinden. Wegen der wegbrechenden Einnahmen der Verbände, um der Notwendigkeit willen, Wettbewerbe zu Ende auszutragen.

Deswegen wurde öffentlichkeitswirksam und kreativ nach Sonderwegen aus der Krise gesucht. Geisterspiele und Tests für alle Spieler werden als Ausweg präsentiert. Es geht in erster Linie um viel Geld, offenbar nachrangiger um den Unterhaltungswert für die Fans. Die Wiederaufnahme der Saison erfolgt denn auch ohne sie.

Corona-Krise: Gehustet wird im Theater ohnehin nicht

Nun müssen schnellstens Lösungen her, wie der Bühnenbetrieb wieder anlaufen kann. Mit Publikum natürlich. Es war schon vor Corona-Zeiten verpönt, bei Vorstellungen zu niesen und zu husten, egal ob in der Oper, im Schauspiel oder bei Kleinkunstbühnen. Da bedarf es keiner neuen Verhaltensregeln.

Aber Sitzreihen voller verängstigter Zuschauer wünscht sich keiner, wenn denn überhaupt Menschen in der gegenwärtigen Situation in die Theater kommen würden. Dort den normalen, genussreichen Spielbetrieb wieder aufzunehmen, dürfte von daher überhaupt nicht einfach sein.

Corona-Krise: Wer hilft Kulturschaffenden über die Durststrecke hinweg?

Umso wichtiger ist die Entwicklung realistischer Szenarien, ist der Abbau von Unsicherheiten und Hysterie durch klare Studien zur Risikoeinschätzung. Sonst könnte die gesamte Kulturszene sehr lange schweren Schaden nehmen.

Zuvorderst steht die Überwindung der finanziellen Durststrecken für die Veranstaltungsorte, die Künstlerinnen und Künstler. Wer das bezahlen soll? Nun, beispielsweise die Automobilhersteller als Sponsoren.

Sie haben in den letzten Jahren Milliardengewinne angehäuft und richten jetzt auch noch unanständige Forderungen an die Politik nach Kaufprämien auch für Autos mit Verbrennungsmotoren. Mit vergleichsweise lächerlichen Verzichten auf einen Teil ihrer Spitzengehälter wollen die Autobosse wohl dafür in Berlin gute Stimmung machen.

Statt keine Gelegenheit auszulassen, gegen die modernen Erfordernisse des Umweltschutzes zu schießen, könnten sie wesentlich beitragen zum Klimaschutz und zur Unterstützung der Kulturschaffenden. Da würden vor Freude nicht nur Sängerinnen und Sänger unter der Dusche trällern.

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