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Ein öffentliches Jugendleben findet angesichts der Corona-Pandemie nicht mehr statt.

Gastbeitrag

Corona: Was die Jugend braucht

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Die Dynamik, die zum Aufwachsen gehört, ist durch Corona gebremst. Auch die Jungen müssen mit einem ganz neuen Alltag fertig werden. Der Gastbeitrag.

Die Zeiten von Corona haben vorübergehend das öffentliche Leben weitgehend stillgelegt, die allgemeine Bewegungsfreiheit eingeschränkt, und es ist aufgetragen, soziale Distanz zu wahren und Abstand zu halten. Es sind Maßnahmen ohne Beispiel in der Geschichte der Bundesrepublik sowie in vielen europäischen Ländern und weltweit. Diese haben für alle Bevölkerungsgruppen – von den Kindern bis zu den Senioren*innen – gravierende Folgen und Konsequenzen.

Für die junge Generation bedeutet das, dass Schulen und Hochschulen, Jugendeinrichtungen und Freizeittreffs geschlossen sind, ebenso Kneipen, Sportplätze, Diskotheken, Shisha-Bars sowie das gesellige Leben im öffentlichen Raum und auf der Straße. Es gibt vorübergehend keine gemeinsamen Face-to-face-Treffgelegenheiten und sozialen Kontakte unter Gleichaltrigen mehr; ein öffentliches Jugendleben findet nicht mehr statt.

Jugend während Corona: Kaum noch soziale Kontakte

Zu den weiteren Folgen zählt, dass für Schüler*innen und Studenten*innen die vielen Jobs wegfallen, die für die Finanzierung des Lebens und des Studiums bedeutsam sind. Und schließlich sind es die spontanen oder geplanten Reisen an Wochenenden, in den (Semester-)Ferien, im Übergang vom Abitur ins Studium oder in den Bundesfreiwilligendienst (Bufdi), die nun nicht möglich sind.

Die Jugendzeit ist mit adoleszenten Dynamiken verbunden, die formell und organisiert in schulischen Zusammenhängen und Beziehungen in den Klassen, dann in Freundschaften, Cliquen und auch im gemeinsamen Lernen und Treffen nach der Schule gelebt werden. Im außerschulischen Jugendleben in der Freizeit sind es die vielen freiwilligen, halb-formellen und informellen Gesellungsformen, die Jugend(verbands)gruppen, die Jugendzentren, der Sportbetrieb, die vielen jugendkulturellen und politischen Zusammenhänge und in der Fankultur unter anderem das – mit euphorischen Gefühlen verbundene – Fußballstadion und die Musikevents.

Aufwachsen in Corona-Krise: Junge Generation mit Sorgen und Ängsten konfrontiert

Es sind weiter die Körperkommunikation, verbunden mit physischer Nähe und vertrautem Unter-sich und Zusammen-sein; dann die jugendlichen Lebenswelten, in denen man etwas unternimmt und in denen experimentiert wird; in denen man Rituale lebt, seine Kräfte misst und Grenzen (verbunden mit Spannungssteigerungen und Erregungssuche) austestet.

Nun sind solche Gelegenheiten und Erlebniswelten über mehrere Wochen (oder gar Monate) reduziert und zum Teil stillgestellt, das (Aus-)Leben der adoleszenten Dynamiken ist vorübergehend unterbrochen. Die Gesellschaft ist auf allen Ebenen mit dem Dauerthema des weltweit sich ausbreitenden Coronavirus befasst. In diese Themen- und Gedankenfixierung ist auch die junge Generation eingebunden, sie kann ihr nicht entkommen und sie bindet ihren Alltag.

Corona-Krise: Junge Menschen mit neuem Alltag konfrontiert

Jugendliche sind in ihrer Entwicklungszeit durchaus mit Sorgen und Ängsten, mit Ungewissheit und Unsicherheit sowie existenziellen Fragen konfrontiert; diese gehören geradezu konstitutiv zur adoleszenten Lebens- und Erfahrungswelt sowie zur medial vermittelten Wirklichkeit. Neu ist die Erfahrung, mit einem übermächtigen Themen- und Realitätsdruck umzugehen, der alle Aufmerksamkeit auf sich zieht und quer zu den adoleszenten Dynamiken und Themen liegt.

Die Krise hat Ernstcharakter und die junge Generation ist mit Risiken und Ungewissheiten in einem neuen Alltag konfrontiert, die sie so noch nicht erlebt hat. Das gilt für den Umgang mit den eigenen und im sozialen Nahbereich erlebten sowie medienvermittelten Gefühlswelten; weiter für die rationalen und irrationalen Deutungsangebote, die auf dem kaum noch überschaubaren Deutungsmarkt und mit einem Kampf um Narrative angeboten werden.

Corona-Krise: Es gibt mehr als eine Jugend

Die Nutzung der zusätzlichen Zeit und der privaten Eigenwelt ist unterschiedlich, weil es dieJugend nicht gibt, sondern Jugenden im Plural mit allen ihren altersbezogenen, sozialen und kulturellen Differenzierungen. Dazu zählen die unterschiedlichen Lebens- und Wohnbedingungen, die häuslichen und materiellen Ressourcen sowie die Zeitbudgets von Erwachsenen mit mehr oder weniger schützenden Umgebungen und sicheren Beziehungen. Dabei können Jugendliche diese erzwungene Zeit als mehr nutzlose und verlorene oder auch als strukturierte und sinnvolle Zeit erleben.

Im Alltag zeigen sich neben der Zeit für Homeschooling vor allem vier Beobachtungen: erstens die Medien und digitalen Welten der Rezeption und der Kommunikation, mit der Möglichkeit, mit Freunden und ihren Netzwerken in Verbindung zu bleiben; zweitens Bewegung und der individualisierte Sport; drittens neue Arrangements im privaten Leben, wie die Nutzung von Räumen für Hobbys, Kultur und Sport; und viertens die mehr verbrachte gemeinsame Zeit und Mithilfe in der Familie.

Der Autor  Benno Hafenegerist Professor für Erziehungswissenschaft an der Philipps-Universität Marburg.

Das Öffnen von Schulen in der Corona-Krise ist schrittweise geplant. Auch für Kitas sollen nun Konzepte zur Wiedereröffnung erarbeitet werden.

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