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Oster-Gottesdienst vor leeren Reihen in Washington D.C. In vergangenen Zeiten wären Kirchen zusammen mit den Krankenhäusern die letzten Orte gewesen, die geschlossen worden wären.

Analyse

Corona-Krise: Die Gotteshäuser wieder öffnen

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Christen, Muslime und Juden sind sich ihrer Verantwortung bewusst. Sie sollten nicht länger warten müssen, bis sie wieder - wenn auch eingeschränkt - zusammenkommen dürfen. Die Analyse.

So paradox es klingt: Die Bestätigung des noch geltenden Verbots von Gottesdiensten durch das Bundesverfassungsgericht vom Karsamstag war eine Steilvorlage für das Drängen insbesondere der katholischen Kirche auf eine Lockerung dieser Auflage. Denn Karlsruhe hat zu Recht sehr deutlich betont, dass die Beschneidung der Religionsausübung kein Kinkerlitzchen ist, das weniger ins Gewicht fällt als zum Beispiel die Schließung von Geschäften.

In dem Moment, wo erste Lockerungen greifen und sogar Termine für die Wiedereröffnung von Schulen und Kindergärten gesetzt werden, sollten auch Zusammenkünfte zu gemeinsamem Gebet wieder möglich sein. Von Kirchgängern ist nicht zu erwarten, dass sie sich leichtfertig oder mutwillig über Schutzbestimmungen hinwegsetzen. Polizei und Ordnungsamt werden mit ihnen keine Probleme haben, anders als mit Sonnenanbetern an diversen öffentlichen Plätzen.

Corona-Krise: Religionsgemeinschaften müssen Hygiene gewährleisten

Die Kirchen und auch andere Religionsgemeinschaften wie die Muslime, bei denen in einer Woche der Fastenmonat Ramadan beginnt, müssen aber Hygiene und Virenschutz bei allen Zusammenkünften streng gewährleisten. Das ist umso notwendiger, als die Kernklientel der Kirchen von ihrem Alter her durch das Coronavirus besonders gefährdet ist. Würde der Gottesdienst zur Virenschleuder, wäre das der schlimmste anzunehmende Fall und das glatte Gegenteil von Seelsorge. Das wissen aber auch die Bischöfe und haben deshalb bereits einen peniblen und praktikablen Verhaltenskatalog zusammengestellt.

Deshalb haben die Kirchenführer auch die mitbürgerliche Solidarität – anders gesagt: die Nächstenliebe – nicht vergessen, wenn sie nun, für die Phase des gelockerten Lockdown, die baldige Zulassung öffentlicher Gottesdienste reklamieren. Vielmehr erinnern sie den Staat an sein Versprechen, Grundrechte nur so weit und so lange zu beschränken wie unbedingt nötig.

Corona-Krise: Früher wären Kirchen zuletzt geschlossen worden

In vergangenen Zeiten wären Kirchen zusammen mit den Krankenhäusern die letzten Orte gewesen, die geschlossen und die ersten, die wieder geöffnet worden wären. Mit dieser Art von Systemrelevanz ist es vorbei, und gegen das Virus helfen nun mal weder Gebete noch Weihwasser – Letzteres kann es sogar verstärkt verbreiten. Der Staat mag heute Kirchen als Museen ansehen, als eine spezielle Art von Archiven oder – vollends despektierlich – als zoologische Gärten des lieben Gottes. Er darf sie aber nicht anders behandeln.

Karlsruhe hat Gottesdienstverbote unter einen doppelten Vorbehalt gestellt: die Befristung und die Verhältnismäßigkeit. Diese ist nicht mehr gegeben, wenn nicht nur Ladenlokale, sondern auch eine Reihe kultureller Einrichtungen wieder für den Publikumsverkehr geöffnet werden. Besonders deutlich wird das Missverhältnis, wenn man bedenkt, dass selbst Trauergottesdienste untersagt sind, obwohl sie Angehörigen gerade jetzt die Möglichkeit gäben, ihrer Klage eine Fassung und dem Abschied eine Form zu geben.

Corona-Krise: Kirchen sind Zufluchtsort für Menschen in Ängsten und Nöten

Laut einer Umfrage der Würzburger „Tagespost“ wünschen sich nur zwölf Prozent aller Deutschen die sofortige Wiederaufnahme der öffentlichen Gottesdienste. Unter den Katholiken liegt der Anteil auch nur bei 15 Prozent. Das klingt wenig – aber es entspricht recht genau der Gruppe derjenigen, die auch sonst regelmäßig oder gelegentlich zur Kirche gehen.

Kirchen waren und sind Zufluchtsorte für die Menschen in ihren Ängsten und Nöten. Die Feier des Gottesdienstes in der Kirche ist – in Krisenzeiten zumal – eine Vergewisserung, „gemeinsam einsam“ und damit nicht allein zu sein. Dies sollte denen, die nach dieser Form von Gemeinschaft suchen, nicht noch länger genommen werden.

Hessens Justizministerin Kühne-Hörmann sagt: Wer Kinder an Ramadan fasten lässt, kann strafrechtlich verfolgt werden. Die Linke kommentiert beißend, demnächst kämen von ihr wohl Drohungen an Eltern zu Weihnachten.

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