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In der Corona-Krise gibt es in der Bundesliga nur noch Geisterspiele.

Kolumne

Geisterspiele in der Bundesliga: Ein ziemlich totes Produkt

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In der Corona-Krise gibt es in der Bundesliga künftig Geisterspiele. Wird der Fußball ohne Fans im Stadion für das Publikum attraktiv sein und bleiben? Die Kolumne.

Liebe Fußballmanager, freut euch nicht zu früh. Gewiss, ihr habt eure Geisterspiele durchbekommen, das Geld wird erst mal wieder fließen. Aber was habt ihr gewonnen? Bestenfalls Zeit. Das Dilemma ist weit größer, als viele bislang denken.

Bundesliga in der Corona-Krise: Geisterspiele sind die Imitation des Sports

Was ihr jetzt versuchen werdet zu vermarkten, wird ein ziemlich totes Produkt sein. Beim Geisterspiel Gladbach-Köln im März haben wir das alle gespürt, die Spieler ja auch. Sport ist Bewegung und Emotion. Und wehe, wenn die Leute erst das Gefühl bekommen, dass man auf eure Art Sportimitation auch ganz verzichten könnte.

Nun habt ihr es bis hierher relativ leicht gehabt. Dass die Politik euch in den Arm fällt, war nicht zu erwarten. Sie hat getan, was sie meistens tut: Risiken abwägen und die Antwort verlagern auf Fachleute, die euer steriles Konzept für theoretisch für in Ordnung erklärten. Und der Sportjournalismus? Niemand sägt sich den letzten Ast ab, den es überhaupt noch gibt. Schon gar nicht Fußballreporter.

Bundesliga in der Corona-Krise - Die Botschaft: Es geht weiter wie bisher

Wobei man da natürlich wieder lange streiten kann, ob es der Unabhängigkeit wirklich gut tut, dass fast immer Sportjournalisten über Sport berichten, Wirtschaftsjournalisten über Wirtschaft, Wissenschaftsjournalisten über Wissenschaft und und und. Aber das ist das Kapitel Gefolgschaft und Fachlichkeit in der medialen Demokratie. Dazu gäbe es hinsichtlich Sport so manches zu sagen, was euch freilich wenig gefallen wird.

Ihr seht, wie groß das Feld ist, auf dem ihr jetzt spielt. Eure Botschaft: Es geht weiter wie bisher – mit Abstrichen. Welcher Fan wünscht sich das nicht? Mag das mehr Illusion als Realität gewesen sein: Das Fußballgeschäft hat stets mehr bedient als nur Sportkram. Große Erlebnisse, große Gefühle, große Emotion. Heimat und Identität, lokal und national. Glück, Freiheit und Trauer im Unvorhersehbaren.

Die Bundesliga hängt am Ende vom Publikum ab

Einige von euch haben ja schon mal zaghaft angedeutet, dass sich demnächst womöglich mehr ändern muss. Euer TV-abhängiges Geschäftsmodell ist dabei zusammenzubrechen. Eines, das spekulativ Summen bewegt, die in keinem Verhältnis mehr zum Wert der Produkte stehen. Das deshalb nur durch rapides ständiges Wachstum funktioniert hat. Und euch selbst zu Marionetten des Systems werden ließ.

Im Grunde sitzt ihr nun aber in einem Boot mit vielen anderen Publikumssportarten, inklusive des IOC. Es geht darum, wie überhaupt in Zeiten der Virusangst weltweit Großveranstaltungen und Umherreisen attraktiv und verlässlich bleiben können. Wohlgemerkt: publikums-attraktiv. Der reale Wert eures Produkts hängt am Ende vom Publikum ab. In Zukunft wieder verstärkt und von vorn.

Bundesliga in der Corona-Krise: Geisterspieltage mit ungutem Gefühl

Ihr ahnt wohl zumindest diese größere Herausforderung. Ihr werdet die ersten Geisterspieltage, falls Corona oder Überheblichkeit sie nicht doch noch verhindern, nicht wirklich mit einem guten Gefühl erleben. Aber ihr werdet so tun müssen, als sei das unser gemeinsamer Sport. Genau daran werden die Zweifel wachsen. Und das Risiko, dass euer Sicherungssystem kollabiert, bleibt auch.

Wir alle wissen nicht, ob der Sport international den geerdeten Neustart hinbekommt, den er dringend braucht. Auch: ob junge Leute es künftig attraktiv finden, sich dafür jahrelang zu schinden. Wobei Letzteres bei euch dank des großen Geldes bisher das kleinere Problem war, Ihr konntet international zukaufen. Und doch: Da ist eine weitere offene Frage, weit über den Fußball hinaus.

Möge euch auf der Strafbank inmitten der leeren Ränge dämmern, wie unzureichend das Baggern um die Corona-Lizenz war. In der Einsamkeit der großen Stadien käme Geist ins Spiel. Vielleicht kommt dann sogar noch Mut dazu.

Richard Meng ist freier Autor und Kuratoriumsvorsitzender der Karl-Gerold-Stiftung.

Mit der Wiederaufnahme der Bundesliga ist Deutschland Vorreiter. Deshalb blicken andere Länder gespannt auf die ersten Bundesliga-Spieltage in der Corona-Krise. Auch die Eintracht steht unter Beobachtung.

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