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Ohne Schutz und ohne Hoffnung: Rohingya im Lager Kutupalong. 

Miserable Verhältnisse

Hilflos dem Coronavirus ausgeliefert: Geflüchteten Rohingya droht die Katastrophe

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In einem Lager in Bangladesch leben mehr als 850.000 Menschen. Die aus Myanmar geflohenen Rohingya genießen so gut wie keinen Schutz vor dem Coronavirus. Und die Welt schaut weg. Ein Gastbeitrag von Christin Mothsche.

  • Das Coronavirus bedroht die Ärmsten der Welt
  • Viele geflüchtete Rohingya leben im größten Flüchtlingslager der Welt in Bangladesch
  • Die Zustände sind horrend, die Situtation könnte furchtbare Folgen haben

Bangladesch – In Flüchtlingslagern kommt alles zusammen, was die Kontrolle des Coronavirus erschwert: Leben auf engstem Raum, miserable hygienische Verhältnisse und ein unzureichendes Gesundheitssystem. Das gilt umso mehr im größten Flüchtlingslager der Welt: Kutupalong im Distrikt Cox’s Bazar in Bangladesch.

Geflüchtete Rohingya in Bangladesch: In der Corona-Krise droht der Kollaps

855.000 Rohingya leben dort seit dem Exodus aus Myanmar im Jahr 2017 auf engstem Raum in einem der am dichtesten besiedelten Länder der Welt. Die Bevölkerung von Bangladesch hat ihnen trotz mannigfaltiger eigener ökonomischer, sozialer und politischer Schwierigkeiten in den vergangenen Jahren Zuflucht gewährt. Doch die Grenzen der Großherzigkeit sind erreicht, ja längst überschritten. Schon vor Corona. Jetzt droht der Kollaps.

Bangladesch ist weniger als halb so groß wie Deutschland, hat aber doppelt so viele Einwohner. Für diese 161 Millionen Menschen stehen 1769 Beatmungsgeräte zur Verfügung. Im Distrikt Cox’s Bazar, wo die Rohingya zusammengedrängt seit drei Jahren ausharren, wird aktuell von Behörden und Hilfsorganisationen verzweifelt versucht, die Kapazität auf zehn Betten zu erhöhen. Aus Sorge vor einer Infektion wird das Flüchtlingslager nun Schritt für Schritt von Polizei und Militär abgeriegelt. Zäune werden gebaut, nur noch wenigen humanitären Helfern wird der Zugang gewährt.

Leben der geflüchteten Rohingya in Bangladesch: Medizinisches Personal bekommt durch Restriktionen Probleme

Selbst medizinisches Personal hat durch die vielen Kontrollen und Restriktionen Schwierigkeiten, rechtzeitig vor Ort zu sein. Damit gibt es nur noch wenige, die den Geflüchteten den Sinn der Abriegelung erklären könnten, die über Infektionswege aufklären und ihnen Ängste nehmen könnten.

Vermehrt übernehmen geschulte Freiwillige aus den Reihen der Rohingya die Aufklärungsarbeit für ihre Mitmenschen. Doch da bereits im vergangenen Jahr die Telekommunikation in den Camps unterbunden wurde, stehen auch Internet oder Anrufe als Informationsquelle nicht mehr zur Verfügung. Die Geflüchteten fühlen sich im Stich gelassen. Das ist fatal.

Denn wir wissen spätestens seit dem Ebola-Ausbruch im Jahr 2014 in Westafrika, dass neben den „harten Faktoren“ (Gesundheitssystem, Hygiene, Dichte der Besiedelung) die „weichen Faktoren“ entscheidend sind bei der Virusbekämpfung: insbesondere klare, transparente Informationen und Vertrauen in (medizinische und politische) Autoritäten.

Im Lager Kutupalong, das zeigen Befragungen und Studien der jüngsten Zeit, gibt es weder das eine noch das andere. Stattdessen: kommunikative Abriegelung des Camps sowie massives Misstrauen in die Gesundheitseinrichtungen und Autoritäten.

Rohingya in der Corona-Krise: Schlechte Voraussetzungen, um Ausbreitung einzudämmen

Das sind denkbar schlechte Voraussetzungen, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen. Die Gründe für das Misstrauen sind vielfältig und fangen schon bei der Sprache an. Weder in Bangla noch in Rohingya gibt es ein Wort für Corona oder Covid-19. 36 Prozent der geflüchteten Rohingya verstehen zudem die Anweisungen des medizinischen Personals nicht. Ärzte und Krankenschwestern wiederum sprechen in den wenigsten Fällen Rohingya.

Viele Rohingya fühlen sich laut Befragungen auch nicht respektiert und ernst genommen. Sie vertrauen eher auf alternative Heilmethoden oder die ihnen aus Myanmar bekannten Injektionen als auf die Medikamentenverschreibungen in den Gesundheitszentren des Lagers. Was schon vor Corona ein Problem war, könnte jetzt tödlich werden, da es weniger seriöse Informationsquellen für die Geflüchteten gibt. Aus Afrika wissen wir, dass in solchen Fällen Gerüchte und Panik die Leerstelle ausfüllen, wo eigentlich anerkannte Autoritäten seriös Informationen vermitteln sollten.

So vermutete ein Teil der Bevölkerung in Westafrika 2014 lange, dass die von Ärzten verordnete Quarantäne Ursache für den Tod von Patienten gewesen sei, weil sie erlebten, dass viele Patienten in Quarantäne starben. Erst durch Sensibilisierung und flächendeckende Aufklärung konnten anerkannte Autoritäten schließlich eine Akzeptanz der notwendigen medizinischen Maßnahmen erreichen.

Rohingya im größten Flüchtlingslager der Welt: Gefährliche Gerüchte über Corona im Umlauf

Christin Mothsche ist seit 2018 Projektkoordinatorin von Caritas international in Cox’s Bazar (Bangladesch).

In Cox’s Bazar verbreiten sich ähnliche Gerüchte wie 2014 in Westafrika. So gaben in einer Befragung vom Februar Flüchtlinge unter anderem an, dass in Gesundheitseinrichtungen getötet werde, wer als Covid-19-Verdachtsfall eingestuft werde. Mit entsprechend verheerenden Folgen für die Bereitschaft, sich als Erkrankter zu erkennen zu geben und sich zu isolieren.  Die Rohingya, das Lager Kutupalong und auch das Land Bangladesch sind von der Weltgemeinschaft über Jahre hinweg weitgehend allein gelassen worden. Schon lange war die Lage äußerst fragil. Mit größten Anstrengungen von Hilfsorganisationen und Behörden ist immer und immer wieder versucht worden, die Menschen adäquat zu versorgen und die Infrastruktur im Lager zu verbessern.

Es gab Fortschritte, aber auch eine große Ratlosigkeit darüber, wie eine politische und humanitäre Lösung für die Geflüchteten aussehen könnte. Corona treibt diese Ohnmacht und Ratlosigkeit nun auf die Spitze. Die Welt schreitet in Kutupalong (wie auch in anderen Lagern der Welt) sehenden Auges auf eine „Katastrophe in der Katastrophe“ zu. Höchste Zeit, zumindest jetzt zu handeln.

Myanmars Staatslenkerin Aung San Suu Kyi kämpft mit allen Mitteln um ihr politisches Überleben – auch mit schmutzigen.

Christin Mothsche ist seit 2018 Projektkoordinatorin von Caritas international in Cox’s Bazar (Bangladesch).

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