+
Ausgangsbeschränkungen waren und sind erforderlich, um die Pandemie einzudämmen. Doch das Zuhause ist nicht für jeden Menschen ein sicherer Raum.

Häusliche Gewalt

Corona-Krise: Frauen und Kinder brauchen jetzt mehr Schutz

  • schließen

Während der Corona-Krise ist die Zahl der Fälle häuslicher Gewalt gestiegen. Alle müssen mehr dagegen tun. Der Gastbeitrag.

Die Covid-19-Pandemie hat Ungleichheiten in unserer Gesellschaft zutage gefördert, die es schon vorher gab, die sich aber durch die Krise zugespitzt haben. Während der strengen Ausgangsbeschränkungen waren in vielen Ländern Frauen und Kinder verstärkt häuslicher Gewalt und Misshandlung ausgesetzt.

Frauen und Mädchen in Corona-Zeiten Opfer sexueller Gewalt

In den letzten zwölf Monaten wurden weltweit 243 Millionen Frauen und Mädchen Opfer sexueller oder körperlicher Gewalt. 22 Prozent der Frauen in der EU haben von ihrem 15. Lebensjahr an körperliche und/oder sexuelle Gewalt in einer Beziehung erlitten. Jede dritte Frau in Deutschland erlebt auch ohne Corona-Krise mindestens einmal im Leben physische oder sexualisierte Gewalt. Etwa jede Vierte wird mindestens einmal von ihrem aktuellen oder früheren Partner angegriffen. Betroffen sind Frauen aller sozialen Schichten. Auch Männer werden Opfer von gewalttätigen Partnerinnen, doch zu 81 Prozent gehen Männer auf Frauen los.

Kontaktsperren gegen Corona

Ausgangsbeschränkungen waren und sind erforderlich, um die Pandemie einzudämmen. Doch das Zuhause ist nicht für jeden Menschen ein sicherer Raum. Viele Opfer häuslicher Gewalt sind in einer für sie nicht sicheren Umgebung isoliert, sie sind mit dem Täter eingeschlossen und haben nur begrenzten Zugang zu Unterstützung und Hilfe.

Neue Daten zeigen, dass die Gewalt gegen Frauen und Kinder, insbesondere häusliche Gewalt, seit dem Ausbruch des Coronavirus zugenommen hat. In Frankreich sind die Meldungen häuslicher Gewalt seit dem Lockdown am 17. März um 30 Prozent gestiegen. In Zypern stiegen die Anrufe bei einem Hilfetelefon in der Woche nach dem 9. März, als der erste Corona-Fall bestätigt wurde, um 30 Prozent. In Belgien nahmen die Anrufe beim Hilfetelefon seit Beginn der Ausgangsbeschränkungen um 70 Prozent zu.

Zunahme von Missbrauch in Zeiten von Corona

Nach Angaben anderer Länder ist die Zahl der Anzeigen bei der Polizei nicht gestiegen. Das ist unter den derzeitigen Umständen durchaus nachvollziehbar, da Opfer Angst haben dürften, Anzeige zu erstatten, wenn ihr Peiniger wegen der Ausgangsbeschränkungen ständig mit ihnen zusammen ist und es keine Möglichkeit gibt, Anzeige zu erstatten, ohne sich selbst zu gefährden.

Die Tatsache, dass nicht oder nur geringfügig mehr Fälle häuslicher Gewalt angezeigt werden, bedeutet daher nicht, dass wir beruhigt davon ausgehen können, dass es keine Zunahme von Missbrauch gibt. Wir müssen den derzeitigen Umständen entsprechend neue Wege gehen.

Einige EU-Staaten haben bereits gezielte Maßnahmen ergriffen, um Frauen und Kinder vor Gewalt zu schützen. In Spanien beispielsweise gelten Unterstützungs- und Schutzdienste für Opfer häuslicher Gewalt als kritische Dienste, sodass sie auch während der Krise mit den gleichen Kapazitäten arbeiten können.

Maßnahmen für Frauen auch nach Corona-Krise

Helena Dalli.

In Belgien, Frankreich und Spanien wurden Informationskampagnen gestartet, um Frauen auf ein Meldesystem in Apotheken aufmerksam zu machen, wo sie um Hilfe bitten können. In Belgien wurden darüber hinaus Hotels und leere öffentliche Gebäude als Notunterkünfte für Opfer von Gewalt angeboten.

Wir brauchen in dieser Krise und in der Phase danach spezielle Maßnahmen für Frauen. Ich habe die EU-Staaten aufgefordert, nationale Beratungsstellen und Online-Beratungsdienste stärker zu unterstützen. Die EU-Staaten müssen dafür sorgen, dass sich die Behörden auch weiter um Fälle häuslicher Gewalt kümmern und dass Organisationen, die Opfer von Gewalt unterstützen, Soforthilfen (auch für Notunterkünfte) erhalten. Wir werden unser Engagement für ein Europa ohne Gewalt gegen Frauen und Kinder fortsetzen. Wir werden nicht zulassen, dass uns das Coronavirus ausbremst.

Präventions- und Unterstützungsdienste für Opfer und Zeugen häuslicher Gewalt müssen als kritische Dienste eingestuft werden. Die EU-Staaten müssen ihre Verpflichtungen aus dem EU-Recht zur Bekämpfung von häuslicher Gewalt weiterhin erfüllen.

Corona stellt uns auf die Probe

Diese Pandemie stellt uns Menschen auf die Probe. Wir müssen, soweit es uns irgend möglich ist, solidarisch handeln. Ich rufe Sie alle auf: Wenn Sie vermuten, dass jemand in Ihrer engeren oder weiteren Familie, in der Nachbarschaft oder im Freundeskreis bedroht oder verletzt wird, wenden Sie sich bitte an die Polizei oder an das Hilfetelefon in Ihrer Region.

Hier die Nummern der verfügbaren Hilfetelefone in ihrer Region: https://www.wave-network.org/find-help/

Für Kinder, die vertraulich und anonym Hilfe suchen, gibt es den europäischen Kindernotruf 116 111.

Helena Dalli ist Mitglied der Europäischen Kommission und dort zuständig für Gleichheitspolitik. Die maltesische Politikerin ist promovierte Soziologin. Sie war 2017 bis 2019 Ministerin für EU-Angelegenheiten und Gleichberechtigung.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare