Das Coronavirus hat noch nicht fertig.
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Das Coronavirus hat noch nicht fertig.

Michael Herls Kolumne

Corona und die Folgen: Das Virus hat längst noch nicht fertig

  • Michael Herl
    vonMichael Herl
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Wird nun alles besser? Wird Corona wirklich all das richten können, was wir in den vergangenen Jahrzehnten falsch gemacht haben? Die Kolumne.

  • Das Coronavirus verliert allmählich seinen Schrecken
  • Wie aber geht es jetzt weiter?
  • Kann man auf die Vernunft der Menschen setzen?

Eigentlich könnten wir ja hoffnungsfroh in die Zukunft blicken. Das Virus haben wir einigermaßen im Griff, Bier und Wein dürfen wieder in Gesellschaft fließen, und dank eines fetten Konjunkturpakets werden wir uns bald wieder in gewohntem Wohlstand suhlen können – so jedenfalls versprach es uns die Kanzlerin. Wachstum frohlockt.

Man könnte also meinen, wir hätten uns in unserem Elend gesundgebadet. Kurz geschüttelt, und alles besser als jemals zuvor? In der Tat soll ja dank dieser virtuellen Reinwäsche vieles anders werden. Ist die Krise also eine Chance? Ergeht es uns so wie einem Wald, der – gedüngt mit der eigenen Asche – nach einem Brand so stattlich wächst wie nie?

Trotz Corona: Die Hochzeit von Stefan Mross live im TV

Aber wird es so kommen? Bürden wir dem kleinen Erreger nicht zu viel Verantwortung auf? Wird das Kerlchen wirklich all das richten können, was wir in den vergangenen Jahrzehnten falsch gemacht haben?

Das darf bezweifelt werden. Das Virus vermochte ja nicht mal die Hochzeit von Stefan Mross live bei Florian Silbereisen im deutschen Fernsehen zu verhindern. Im öffentlich-rechtlichen und zur besten Sendezeit, wohlgemerkt.

Und Andrea Kiewel schreibt wieder jeden Sonntag im „ZDF-Fernsehgarten“ den noch über alle Tassen in ihrem Schrank verfügenden Zuschauerinnen und Zuschauern das Entsetzen ins Gesicht.

Das Virus ändert ... nichts

Und da soll uns dieses Virus von weit größeren Unbillen befreien? So wurden doch schon jetzt die größten Umweltzerstörer mit gigantischen Staatshilfen gepampert, die Fluggesellschaften.

Da prophezeien ernstzunehmende Experten bereits, dass Donald Trump auch im Falle einer Wahlniederlage 2020 im Amt bleiben könnte. Da fördert man nun den Kauf von Elektroautos – verhindert aber nach wie vor krankhaft ein generelles Tempolimit auf deutschen Autobahnen. Da treiben Wohnraumspekulanten auch weiterhin unbejuckt von jeglicher Krise ihr Unwesen. Da werden mit gewaltigem Aufwand Fußballspiele ermöglicht, um die Vereine vor dem Bankrott zu retten – während Tausende von Wirten und Einzelhändlern pleite gehen.

Fußballspiele werden ermöglicht - während Kneipen pleite gehen.

Da hat man erlebt, wie schnell Luft wieder sauber werden kann – und eröffnet dann unverdrossen ein neues Kohlekraftwerk. Da werden schlimme Arbeitsbedingungen in Fleischfabriken angegangen – nicht aber das eigentliche Problem, die Massentierhaltung.

Ist es vernünftig auf die Vernunft zu setzen?

Da will man auf Mallorca den Neustart nutzen und das Massensaufen der Grenzdebilen unterbinden – setzt statt dessen aber auf „Qualitätstouristen“, die dann statt Sangria Champagner in sich schütten und die Immobilienpreise noch mehr in die Höhe treiben. Und da lassen die Reedereien schon ihre Drecksschleudern warmlaufen, um möglichst bald wieder das saubere Wasser aus den Kanälen Venedigs zu drängen.

Ja, richtig, es wird niemand gezwungen, eine Kreuzfahrt zu unternehmen. Schön gesagt. Aber soll es tatsächlich vernünftig sein, auf die Vernunft der Menschen zu setzen? Welche Vernunft? Wie soll man Leuten vertrauen, die sich zwar zu Spitzenzeiten der Krise erstaunlich besonnen verhalten haben, aber nach der geringsten Lockdown-Lockerung schon so tun, als wäre nie was gewesen?

Aber vielleicht hat das ja auch sein Gutes. Denn, so zynisch das ist, manchmal könnte man sich eine zweite Runde Corona wünschen. Denn das Virus hat offensichtlich noch nicht fertig.

Michael Herl ist Theatermacher und Autor.

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