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Auch in Zeiten von Corona kann in Deutschland Spargel gegessen werden.

Corona-Krise

Coronavirus: Was Erntehelfer und Geflüchtete mit deutscher Gründlichkeit zu tun haben

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Einreisen darf, wer für unser Lieblingsessen sorgt. Ausreisen müssen andere, egal, wie gefährlich das für sie ist. Die Kolumne zum Thema Erntehelfer und Abschiebung. 

Die Deutschen sind eigentlich bekannt für ihre Gründlichkeit. Da ist alles bis ins Kleinste durchdacht, auf dass jedes Rädchen ins andere greife. Aber dann diese Panne in Zeiten der Corona-Krise – auch noch durch Innenminister Horst Seehofer höchstselbst.

Der laut Jobbeschreibung Heimatzuständige hatte vor lauter „Grenzen dicht hier, Einreiseverbot da, Kontrollen dort und Abschiebungen sowieso“ die für deutsches Saatgut so wichtigen Erntehelfer gleich mit ausgesperrt. Dies wohlgemerkt gerade zum Frühlingsbeginn, wenn die Sonne zaghaft zu wärmen beginnt, die Schafswölkchen sich zu einer Herde sammeln und der Spargel den Kopf aus deutschem Boden presst.

In Corona-Zeiten ist die Welt der AfD kompliziert

Doch geht es beileibe nicht nur um den Spargel; auch der Hopfen, oder besser gesagt „unser Bier“ („Bild“), steht auf der Kippe. Weshalb Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner auf die Schnelle nichts Besseres einfiel, als die personellen Defizite mit Arbeitslosen und Geflüchteten ausgleichen zu wollen.

Überhaupt sollen einige im Gespräch gewesen sein, die sowieso gerade Zeit haben. Davon gibt es aktuell zwar viele, aber eine Zwangsrekrutierung hätte sich demokratisch wohl nicht durchgesetzt.

Corona-Krise: Heimatminister will keinen Frühling ohne Spargel

Unser Heimatminister will trotz allem nicht an einem Frühling ohne Spargel schuld sein, weshalb mal mir nichts, dir nichts etwa 80 000 Leute eingeflogen werden. Kosten, Mühen und Sinnhaftigkeit sind nebensächlich, nur ist in Zeiten von Corona alles ein bisschen komplizierter.

Ähnlich kompliziert wie bei der AfD, die ihre Existenzberechtigung in Schall und Rauch aufgehen sieht. Sind die Schotten erst einmal dicht, braucht es kaum noch die Blaubraunen, werden sie gemutmaßt haben. Entsprechend laut schallte aus ihrer Ecke der Ruf nach einer Grenzöffnung für Erntehelfer. Ob das für einen Platz in den Geschichtsbüchern reicht, wird sich zeigen. Diesen Treppenwitz kann ihnen aber niemand mehr nehmen.

Einreisen trotz Corona fürs Bruttosozialprodukt

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Jedem Landwirt sei die bestmögliche Ernte gegönnt. Ebenso jedem Saisonarbeiter der entsprechende Job, wobei sich die Systemrelevanz in der Vergütung widerspiegeln sollte. Die Politik verhält sich dennoch schräg – Krise hin oder her.

Gedicht Thomas Gsella/Grafik Piri Pinkus

Seit Jahren werden humanistisch erforderliche Maßnahmen, wie etwa die Evakuierung der Geflüchteten aus den Lagern in Griechenland, als nicht machbar eingestuft. Parallel soll aktuell eine 25-jährige Frau aus Togo mit einem Charterflug alleine abgeschoben werden. Trotz Schließung wegen Corona hat der Flughafen in Lomé die Öffnung zugesagt.

Entweder ist das reine Bürokratie oder reiner Rassismus. Schutz vor Corona, und der dürfte in Deutschland besser sein als in Togo, hat an dieser Stelle keine Priorität.

Vielmehr dürfen die „Guten“ – sprich die Wertvollen fürs deutsche Bruttosozialprodukt – temporär rein. Die „Schlechten“ – also Menschen, denen man keinen potenziell wirtschaftlichen Gegenwert auf die Schnelle zutraut – haben im sauberen Rhabarber-Deutschland nix verloren. Da macht der Staat dann auch mal einen sechsstelligen Betrag für die Abschiebung locker.

Abschieben - das ist deutsche Gründlichkeit

Warum lässt man die Frau nicht in Deutschland? Das Geld für ihren Abschiebeflug könnte Menschen zugute kommen, die durch Corona-Maßnahmen existenzielle Probleme haben.

Uups, wie naiv von mir. Das würde ja voraussetzen, dass in diesem Land Humanismus ernst genommen wird. Aber womöglich kann Deutschland die Gründlichkeit doch besser.

Von Katja Thorwarth

Die Heidelberger Rechtsanwältin Beate Bahner veranstaltet ein merkwürdiges Corona-Theater. Bei ihrem Auftritt verzichtete sie auf alle Abstandsregeln. Und die Polizei schaute tatenlos zu.

Flüchtlingshelfer Joachim Lenz erklärt, warum Leben retten unabhängig von jeder Krise ist. Und warum Verbote oder Hafenblockaden Rettungsschiffe nicht wirklich aufhalten können.

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