Kolumne

Mehr soziale Nähe in der Corona-Krise - trotz Social Distancing 

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Gerade in der Corona-Krise sollte man trotz Social Distancing nicht den Blick fürs Ganze verlieren.

  • In der Corona-Krise bleibtSocial Distancing ein Thema
  • Menschen brauchen trotz Abstand soziale Nähe durch Vereine und Clubs
  • Die Diskussion über mehr soziale Nähe fehlt

An Jean-Claude Juncker kann man viel kritisieren, selbst wenn er wohl ein besserer EU-Chef war als die aalglatte und kaum ernst genommene Ursula von der Leyen. Jetzt hat er etwas Wichtiges gesagt an die Adresse aller, die in den vielen Telefon- und Videokonferenzen, die es nun coronahalber gibt, schon ein klimafreundliches Zukunftsrezept sehen: schalten statt reisen. 

In der Corona-Krise fehlt die soziale Nähe

Juncker hat eingewandt, er könne in Internetkonferenzen immer nur in die Gesichter derjenigen schauen, die gerade sprechen. Ihm fehle das Gespür für die Stimmung in der Gruppe. Nun gibt es inzwischen längst auch Videoformate, in denen alle nebeneinander in kleinen Fensterchen sichtbar sind. Aber hinter dem Einwand steht mehr als eine Frage der Optik: Kommunikation ist nicht nur purer Wortwechsel. Gruppe ist mehr als die Addition von Einzeläußerungen. Begegnung ist mehr als einander nur zu sehen oder zu hören oder etwas voneinander zu lesen.

Trotz Social Distance nicht die sozialen Begegnungen vergessen

Viele sind gerade dabei, sich an dieses Fortschrittsverständnis zu gewöhnen, siehe virtuelle Unis und Homeschooling. Aber letztlich verstärkt die Alle-mit-allen-am-Bildschirm-Kommunikation noch mal einen ziemlich konservativen Trend, wie er in denCorona-Tagen erzwungen wird: zurück zur Familie und weg von gelebter Mobilität. Ob das die Zukunft sein sollte?

Kein Zweifel: Die Kollateralschäden des Selbstschutzes werden von manchen Zeitgenossen positiv gesehen, wie überhaupt sich die Gesellschaft anders zu sortieren scheint. Jetzt eher zwischen den Ängstlichen und den Trotzigen. Zwischen den Verdrängern und den Besorgten. Zwischen den Helfenden und den Zurückgezogenen.

Abstand in der Corona-Krise darf nicht zu weit gehen

Die einen finden staatlichen Durchgriff wie beim Zwangsmundschutz ganz prima. Andere erkennen ihre vermummten, Distanz zelebrierenden Nachbarn kulturell kaum mehr wieder. Manchmal verengen Abstandsregeln bei Spießern zusätzlich den Horizont.

Im Nordosten scheint es wieder mal einen besonderen Hang zur kollektiven Abwehr gegen Fremdes zu geben – gegen Berliner, die ihre Zweitwohnung nutzen wollen. Wie konnte es sein, dass erst Karlsruhe einschreiten musste, bevor die unverhältnismäßigen Demonstrationsverbote aufgeweicht wurden, das geminderte Recht auf Meinungsfreiheit überhaupt auf die Agenda kam? Das alles sind Fälle öffentlicher Sichtfeldeinschränkung.

Social Distance in der Corona-Krise: Nicht den Blick fürs Ganze verlieren

Wo Leute zu Hause sitzen, fehlt der Eindruck vom Leben anderswo. Es ist ein Jammer, dass in solchen Zeiten selbst noch im Journalismus mehr Kurzarbeit droht. Wir brauchen jetzt Leute, die neugierig herumreisen und berichten. Was alles nicht gegen Abstandhalten spricht. Aber nicht nur Öffnungsdiskussionsorgie, sondern auch Social Distance ist ein Unwort. Auf soziale Nähe kommt es gerade bei körperlichem Abstand an.

Das ganze Leben besteht aus Initiativen und Gruppen, Parteien und Vereinen, die sich treffen und austauschen, zu Verabredungen kommen, voneinander lernen. All das gab es nicht seit Wochen. Irritierend ist, wie wenig neben all den Wirtschafts- und Schulthemen durchdringt, dass auch dies ein zentrales Problem ist.

Mehr Austausch und soziale Nähe in der Corona-Krise

Den Blick fürs Ganze gibt es nur mit allen Sinnen. Nur wenn Menschen sich bewegen und sich begegnen. Statt vor dem Rechner zu sitzen und das, was sie sehen, für das ganze Leben zu halten. Was sich auch Fußballmanager hinter die Ohren schreiben sollten, die ihren Tanz ums Goldene Kalb demnächst mit seelenlosen Geisterspielen inszenieren wollen. Kommerzfußball zum Abgewöhnen: Hoffentlich bleibt das Publikum weg. Und um den Bezahlsender Sky wäre es auch nicht schade.

Von Richard Meng

Rubriklistenbild: © picture alliance/Kay Nietfeld/dpa

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