Kapstadt ist zum Zentrum der Corona-Pandemie in Südafrika und auf dem afrikanischen Kontinent geworden.
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Kapstadt ist zum Zentrum der Corona-Pandemie in Südafrika und auf dem afrikanischen Kontinent geworden.

Die China-Methode

Südafrika in der Corona-Krise: Eine Regierung verspielt das Vertrauen der Bevölkerung

  • Johannes Dieterich
    vonJohannes Dieterich
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Mehr als 3000 Infektionen an einem Tag: Das Beispiel Südafrika zeigt, welch fatale Folgen eine blinde Regulierungswut haben kann. Der Leitartikel.

  • Die Corona-Pandemie hat den afrikanischen Kontinent voll erfasst
  • Das Vertrauen der Bevölkerung in die Regierenden sinkt
  • Südafrika wird noch monate- oder gar jahrelang mit dem Virus leben müssen

Ein Geheimnis war es noch nie. Nach jeder afrikanischen Ebola-Epidemie zogen Experten öffentlich dasselbe Resümee: Das Wichtigste im Kampf gegen eine Seuche ist das Vertrauen der Bevölkerung. Eine Regierung, der keiner vertraut, kann die besten Strategien aushecken – solange die Leute den Sinn der empfohlenen oder erzwungenen Maßnahmen nicht sehen wollen oder können, halten sie sich auch nicht daran.

Corona-Krise in Afrika: Einheimische greifen die Isolierstationen an

Im Kongo oder in Liberia versteckten Familien ihre erkrankten Angehörigen, weil sie überzeugt davon waren, dass diese in den furchterregend anmutenden Ebola-Zentren nur sterben könnten. Zuweilen griffen Einheimische sogar die Isolierstationen an. In ihren Augen hatten die ausländischen Hilfskräfte die Seuche überhaupt erst eingeschleppt.

Afrikaner haben viele gute Gründe, ihren Regierungen zu misstrauen. Die politischen Eliten sind meist mehr mit dem Genuss und der Sicherung ihres Zugriffs auf öffentliches Geld beschäftigt, als dem Wohl der Bevölkerung zu dienen. Die meisten Bewohner des Kontinents leben in dem Bewusstsein: „Wenn die da oben etwas wollen, dann muss es schlecht für uns sein.“ In normalen Zeiten mag diese Einstellung hilfreich sein. In einer Pandemie ist sie lebensgefährlich.

Corona-Pandemie in Südafrika: „Gott wird uns beschützen“

Einige afrikanische Staatschefs verspielten das Vertrauen der Bevölkerung gleich zu Beginn der Pandemie – wie Tansanias „Dampfwalze“ John Magufuli, der den Kampf gegen das Virus dem Allmächtigen überließ. „Gott wird uns beschützen“, so blockte der Präsident fast alle von der WHO empfohlenen Maßnahmen ab. Andere Staatschefs nahmen die Pandemie zum Anlass, ihre Macht zu zementieren: Sie verschoben Wahlen oder ließen diese unter Notstandsgesetzen abhalten – je nachdem, was ihnen hilfreicher zu sein versprach.

Ein besonders interessanter Fall ist Südafrika. Präsident Cyril Ramaphosa wusste seinen guten Ruf bei der Bevölkerung zunächst noch zu verbessern, indem er früh und entschieden einen Lockdown verhängte. Der wurde vom Volk, so gut es ging, auch akzeptiert. Ramaphosa ist der Kopf des Flügels in der tief gespaltenen Regierungspartei ANC, der die Verfassung ernst nimmt: Er bemüht sich, transparent, partizipatorisch und demokratisch zu sein.

Corona in Afrika: Reglementierungswut der Kader

Der andere, eher traditionelle Flügel sehnt sich dagegen in die Ära von Ramaphosas Vorgänger Jacob Zuma zurück, in der Patronage, Geheimnistuerei und Selbstbereicherung die Hauptrollen spielten. Seine Repräsentanten verstehen sich als Kader, die dem Volk sagen, was gut für es ist. Man erkennt sie schon daran, dass sie die Bevölkerung gerne „my people“ nennen. Ihre Galionsfigur ist Zumas Ex-Frau Nkosazana Dlamini-Zuma, die die Wahl zur ANC-Präsidentschaft gegen Ramaphosa nur knapp verloren hatte. Dieser holte sie als Ministerin an seine Seite und meinte sie so gezähmt zu haben.

Zu Unrecht. Die Zuma-Saurier im Ramaphosa-Kabinett lassen stattdessen ihre Muskeln spielen. Sie waren es, die dem Lockdown seine Schärfe gaben: das Nikotin- und Alkoholverbot, der E-Commerce-Bann, die nächtliche Ausgangssperre, die 73.000 Soldaten auf den Straßen.

Die Reglementierungswut der Kader ging so weit, dass sie sogar vorschrieben, welche Schuhe „my people“ kaufen dürfen (offen: nein, geschlossen: ja), wann sie morgens Frühsport machen können und dass sie dabei keine Grünflächen betreten sollen. Mehr als 230.000 Menschen wurden wegen Verstößen gegen die Bestimmungen bereits mit saftigen Strafen belegt und einer totgeschlagen: Kein Wunder, dass das Vertrauen in die Regierung wie Schnee in der afrikanischen Sonne schmolz. Es liegt Umfragen zufolge bei 20 Prozent.

Was passiert, wenn Vertrauen entweder unmöglich ist oder gar nicht erst abgefragt wird, wissen US-Amerikaner, Brasilianer oder Russen. Wesentlich leichter wurde Neuseeländern oder Südkoreanern das Zutrauen in ihre Regierung gemacht: Dort gelang es, das Virus einzudämmen. Schließlich ist da noch ein dritter, der chinesische Weg – wo das Einvernehmen der Bevölkerung erzwungen und lückenlos überwacht wird. Wie mancher afrikanische Staatschef, der die Pandemie zum Ausbau seiner Macht zu nutzen sucht, orientiert sich auch der Kader-Flügel des ANC an dem Pekinger Vorbild.

Corona-Krise in Südafrika: Bis zu 3.000 Neuinfektionen am Tag

Jeder rechnet damit, dass Südafrika noch monate- oder gar jahrelang mit dem Virus leben muss, der Höhepunkt der Pandemie wird frühestens in zwei Monaten erwartet. So lange wird auch der verfassungsrechtlich bedenkliche Nationale Corona-Krisenrat (NCCC) bestehen, dem eher zufällig ausgerechnet die Ministerin für Regierungsangelegenheiten, Dlamini-Zuma, vorsteht.

Der Rat verdankt seine Existenz dem Desaster-Management-Gesetz, das eigentlich für ganz andere – und kürzere – Katastrophen gedacht war. Seine Beratungen sind geheim und keiner direkten parlamentarischen Kontrolle unterzogen, also ganz nach dem Geschmack der „My-people“-Sager. Die haben es inzwischen fertiggebracht, Gottesdienste mit bis zu 50 Personen zu erlauben, während man einen einzelnen Freund nicht zu sich nach Hause einladen darf.

Über die wirklichen epidemiologischen Grundgesetze – wie Testen, Händewaschen, Abstand halten – redet kaum noch jemand. Dafür steckten sich zuletzt an einem Tag mehr als 3000 Südafrikaner mit dem Virus an. So viele wie nie zuvor.

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