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Kommunikation finden in Corona-Zeiten auch im Treppenhaus nicht mehr statt. 

Kolumne

Corona-Kommunikation im Homeoffice - Tretminen überall

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Es ist schwierig, im Homeoffice zu kommunizieren. Man muss schriftlich präziser und vorsichtiger formulieren als wenn man miteinander redet. Die Kolumne. 

Nach sechs Wochen beruflicher Online-only-Kommunikation liegen die Nerven blank. Jede Kleinigkeit, die sonst auf Zuruf erledigt wird, bedarf jetzt der ausformulierten Regelung. Und auf dem Weg von einem Homeoffice ins andere geht so mancher kleine Spaß verloren und kommt als Nachlässigkeit an, als bewusste Unverständlichkeit, Frechheit recht eigentlich.

Kommunikation in Zeiten von Corona

Tretminen überall. Wie es ja auch stets jemanden gibt, der bei einer E-Mail nicht im cc war oder aus Versehen zur Telefonkonferenz (Telko!) nicht eingeladen wurde. In der sich übrigens auch in der sechsten Woche noch immer allerlei Unsicherheiten („Könnt ihr mich hören?“), Ungeduld („Wer hier nebenbei frühstückt, schalte doch bitte sein Mikro aus!!“) und Emotionalität („So schön, eure Stimmen zu hören!“) formuliert.

Festzustellen ist: Die unsichtbare, aber doch handfest greifbare Uniform, die sich all die Jahre beim Betreten des Arbeitsplatzes ganz von selbst über das private Ich gelegt, es für die Fährnisse des Büroalltags in Form gebracht und ordentlich zugeknöpft hat, materialisiert sich nicht, wenn man lediglich drei Schritte vom Bett hinüber zum Computer schlurft oder beim Arbeiten Blickkontakt zum Katzenklo (müsste auch mal wieder geputzt werden!) hat. Und da sitzen dann eben alle in ihrer Privatheit und performen ihr Profitum aus schwindender Erinnerung.

Sprache in Corona-Zeiten doppelt prüfen

Stell dich nicht so an, Freiberufler bekommen das doch auch hin, ist alles eine Frage der Disziplin!, ruft da sogleich das Über-Ich. Und das beziehungslos gewordene Arbeits-Ich kontert mit aller Würde, die in Schlafanzughosen und einer ins Suzi-Quatrohafte wuchernden Frisur aufzubringen ist: Aber die arbeiten eben selbstständig und nicht in einem Geflecht ständiger Absprachen, Zuarbeiten und geteilter Verantwortung!

Tatsächlich gilt es, beim Miteinander im räumlichen Auseinander die Sprache doppelt und dreifach zu überprüfen. Und interessanterweise kommt das Wort „bitte“ dabei als erstes auf den Index. Einst von Eltern als „Zauberwort“ angepriesen, das allein die Dinge in Gang setzt, bekommt es in einer fragenden E-Mail oder SMS oder Slackbotschaft etwas ungut Forderndes. „Mach die Präsentation bitte bis 16 Uhr fertig.“ Das geht nicht. Reiner Befehlston. „Könntest du die Präsentation bitte bis 16 Uhr fertig haben?“, wirkt indessen genervt. „Wirst du die Präsentation fertig haben?“, liest sich wieder zu ängstlich.

Corona: Türen rhetorisch offenlassen

Am Ende dürfte das zeitgemäße Zauberwort am ehesten „vielleicht“ sein. „Könntest du vielleicht …?“ tritt dem anderen virtuell nicht auf die Füße, das kann man annehmen und weiterreichen.

So unbefriedigend selbst eine positive Antwort darauf immer bleiben muss – was nutzt es mir im Zweifelsfall, zu wissen, ob der andere etwas vielleicht tun kann? –, so stimmig scheint es, in einer auf Null und Eins, also Entweder/Oder basierten Kommunikation Höflichkeit mit Eventualität zum Ausdruck zu bringen.

Es liegt ein sprachlicher Luxus darin, Türen rhetorisch offenzulassen, die nach Effizienzmaßstäben immerzu schnell zu schließen wären. Und dann stellt dieses „Vielleicht“ auch die Frage nach der Wirklichkeit einer Kommunikation, in der man letztlich immer im Nebel stochert und gar nicht weiß, wie und wo man den anderen antrifft. Ein Rädchen im Getriebe, das sich in seinem Vielleicht-Röckchen vor dem anderen kurz verbeugt, bevor es in dessen Zacken greift: Wollen wir? Muss ja! seufzt dieses und dreht sich.

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