Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Armut macht krank.
+
Armut macht krank.

LEITARTIKEL

Corona-Impfungen: Die Solidarität kommt zu spät

  • vonAlisha Mendgen
    schließen

Die Impfaktionen für sozial Benachteiligte gegen Covid-19 sind überfällig.Denn dass Armut krank macht, wissen wir seit vielen Jahren. Der Leitartikel.

Deutschland hat ein Problem mit sozialer Ungleichheit. Das ist seit Jahrzehnten so und auch schon länger bekannt. Dennoch kommt die Politik erst vier Monate nach der ersten Impfung und mehr als ein Jahr nach dem ersten Lockdown auf die Idee, sozial Benachteiligte verstärkt zu impfen. Das ist zu spät und zeigt erneut, dass wir in Sachen sozialer Gerechtigkeit gerne mal die Augen verschließen.

Die Inzidenzen veranschaulichen das Corona-Problem. Die Stadt Köln geriet jüngst in die Schlagzeilen, weil das ärmere Viertel Chorweiler eine Inzidenz von 543 und das Villenviertel Hahnwald zeitweise eine Inzidenz von 0 hatte.

Dass Armut und Gesundheit zusammenhängen, ist nicht neu. Schon 2010 gab das Robert-Koch-Institut einen Report heraus, wonach Frauen und Männer mit niedrigem Einkommen eine geringere Lebenserwartung haben. Demnach ist das Risiko für einen Herzinfarkt, Diabetes und chronische Bronchitis bei Ärmeren erhöht. Auch viele Menschen mit Einwanderungsgeschichte gehören zur ärmeren Bevölkerungsschicht. Das belegen Daten von 2019: So ist das Armutsrisiko von Menschen mit nichtdeutschen Wurzeln mehr als doppelt so hoch wie das der übrigen.

Dafür gibt es Gründe. Die Ernährung, die maßgeblich mit dem Einkommen zu tun hat, ist ein Faktor. Auch psychosomatische Belastungen wegen Ausgrenzung spielen eine Rolle.

Was bedeutet all das für die Corona-Realität der Betroffenen? Sie leben mit mehr Menschen in beengten Wohnungen, haben weniger Geld für Schutzmasken und arbeiten kaum im Homeoffice. Vielfach sind sie an ihren Arbeitsplätzen schlecht geschützt – als Leiharbeiter in Fleischfabriken, als Verkäuferinnen und in anderen Service-Jobs. Sie sind auch häufiger auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen.

Schon zu Anfang des ersten Lockdowns hätte die Politik dieses Problem in den Blick nehmen und handeln müssen. Es war doch abzusehen: Das Wissen um die fehlende Gerechtigkeit ist seit Jahrzehnten vorhanden. Andere Länder thematisierten bereits im Frühjahr 2020 die Gefahr, die für an den Rand gedrängte Gruppen mit weniger Einkommen von dem Virus ausgeht. Hierzulande wurde das wie ein Tabu behandelt – aus Angst vor Rassismus- und Klassismusvorwürfen.

Stattdessen sollten wir der Wahrheit ins Auge sehen: Ärmere Menschen und somit auch migrantische Communities sind stärker vom Coronavirus betroffen. Dazu gibt es zwar keine Zahlen, weil Herkunft und Einkommen bei Corona-Erkrankung oder einem Klinikaufenthalt nicht erfasst werden, aber Hausärzte und Intensivmediziner berichten davon. An diesem Missstand sind nicht die Herkunft oder das Bankkonto schuld, sondern die mangelnde Unterstützung.

Nun versuchen mehrere Städte, strukturell Benachteiligten zu helfen, in dem sie über die Impfung aufklären und mehr Dosen bereitstellen. Darunter Bremen, das in der nächsten Zeit vermehrt Impfungen in strukturell benachteiligten Vierteln anbieten möchte. Oder Hamburg, wo Hausarztpraxen in Brennpunkten mehr Impfstoff bekommen. Berlin will dem Kölner Vorbild folgen und mobile Impfteams bereitstellen.

So oder so muss die Politik viel mehr tun – und zwar ohne PR-Show, aber mit der gleichen Energie, die sie für das Thema „Freiheiten für Geimpfte“ aufbringt. Immerhin erkranken sozial Benachteiligte nicht nur häufiger, sie leiden auch verstärkt unter dem Lockdown, weil sie in beengten Wohnungen bleiben müssen, mehr Bildungsdefizite aufhäufen und das Gefühl der Perspektivlosigkeit steigt.

Sozial Benachteiligte müssen aufgrund ihrer Lebenssituation bevorzugt geimpft werden. Das muss nun dringend geschehen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare