Corona im Sport

Bundesliga in der Corona-Krise: Die Exzesse des Systems Profifußball

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Dem Profifußball schlägt in der Corona-Krise viel Skepsis und Zorn entgegen - zum Teil zurecht.

  • Der Profifußball gerät zunehmend in die Kritik
  • Auch in der Branche selbst werden Zweifel laut
  • Was passiert, wenn die Corona-Krise vorüber ist?

Ein „vollkommen überdrehter Zweig der Unterhaltungsbranche“, der „geradezu halsbrecherisch gewirtschaftet“ habe („Berliner Zeitung“). „Der Fußball-Zirkus hat die Grenze zur Lächerlichkeit bereits überschritten“ („Weser-Kurier“). „Die Welt steht still, der Fußball glaubt, er könne sie weiterdrehen, wie und wann er will“ („Neue Osnabrücker Zeitung“). „Der Fußball ist uns fremd wie nie („Zeit“), „Hallo? Geht´s noch?“ („Kicker“).

Es ist ein Wind des Wandels, der da weht. Ein Wandel in der Wucht, die dem Profifußball entgegenschlägt; ein Wandel in der Wucht der Wut. Viele Kommentatoren - quer durch die Medienlandschaft, von „SZ“ bis „FAZ“, von „Spiegel“ bis „Zeit“ -, die den volkswirtschaftlich recht belanglosen, gesellschaftlich völlig überdimensionierten, kommerziell nahezu vollkommen ausgepressten Fünf-Milliarden-Euro-Betrieb seit vielen Jahren verfolgen, sind desillusioniert. Sie hätten das, ehrlicherweise, schon länger sein können. 

Profifußball in Deutschland: Das Fernsehen zahlt, weil der Kunde zahlt

Aber sie haben sich – wie viele, aber gewiss nicht alle Menschen hierzulande – dem Spiel der turbokapitalistischen Kräfte, die auf den Profifußball wirken, halt irgendwie hingegeben. Das Fernsehen zahlt der Bundesliga Milliarden, weil wir bereit sind, fürs Fernsehen zu zahlen, und ganz egal, wie hoch dieser Milliardenberg auch anwächst - am Ende kassieren die Stars halt immer mehr. Unangemessen fanden wir Monatsgehälter jenseits von einer Million Euro ja schon lange, erst recht im Vergleich zu Krankenschwestern, Altenpflegern, Kassiererinnen oder Paketboten, aber jetzt wird es uns noch viel, viel deutlicher, wie obszön die Überweisungen sind, vor allem dann, wenn manche Klubs es noch nicht mal schaffen, sie solide gegenzufinanzieren, sondern sich dafür noch Geld leihen müssen.

Gehaltsverzicht der Profis alleine reicht nicht

Und jetzt, da aus dem Milliardenzentralmassiv viele hundert Millionen herausbrechen und aus dem riesigen Berg ein noch immer sehr, sehr großer Hügel zu werden scheint, sind wir nicht mehr bereit, im Rattenrennen überwiegend kritiklos mitzulaufen. Es reicht uns nicht, dass durchschnittliche Erstligaprofis statt 150.000 Euro brutto im Monat per (als großartige Geste der Solidarität gefeierten) Gehaltsverzicht immer noch 130.000 Euro aufs Girokonto geschaufelt bekommen. Und damit es bald wieder 150.000 Euro werden, zeitnah Körper an Körper in Kopfballduelle gehen dürfen, während wir die Abstandsregeln einzuhalten haben, egal ob in der Freizeit oder im Beruf.

Das mag auch ein wenig mit einer Neiddebatte zu tun haben, vor allem aber damit, dass wir fast alle miteinander spüren, dass da was nicht recht zusammenpasst. Selbst vielen Verantwortlichen in den Klubs wird das zunehmend klarer, Trainer, Manager, Spielern - vielen ist nicht mehr ganz wohl bei dem, was da gerade vor sich geht. Aber sie alle fürchten sich noch mehr davor, was passieren könnte, wenn der Ball weiter ruhen könnte.

Die DFL kämpft um ihr Produkt

Natürlich ist es legitim, dass ein Wirtschaftszweig darum kämpft, sein einziges Produkt (hier: Fußball) schnellstmöglich wieder auf den Markt zu bringen. Daran arbeitet DFL-Chef Christian Seifert genauso, wie der Hotel- und Gaststättenverband sich für seine Klientel einsetzt. Mit dem gar nicht so feinen Unterschied, dass in den Restaurantbetrieben Menschen arbeiten, die in Kurzarbeit und ohne Trinkgelder unter die Armutsgrenze fallen. Und bei Erlaubnis zur Wiederaufnahme nicht in den Infight gehen müssten.

Am Ende bleibt die Frage: Werden die Exzesse, die für das System Profifußball gerade so umfangreich und emotional beschrieben wurden, nach der Corona-Krise ungestört wiederbelebt? Oder wäre es zwar schmerzhaft, aber doch auch förderlich, wenn der ganze Laden (mit vielen Leiden!) auseinanderflöge und sich einem kompletten Reset unterziehen müsste?

Rubriklistenbild: © Roland Weihrauch/dpa

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