Gastbeitrag

Moderne Sklaverei in der Corona-Krise: Arbeiter fürchten um ihr Leben

  • vonAnna Cavazzini
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Die Corona-Krise überrollt die globale Wirtschaft. Auf der Strecke bleiben nicht nur die großen Konzerne, sondern vor allem ihre Arbeiter. Der Gastbeitrag.

Die schwierige Situation des Gesundheitspersonals steht zu Recht im Mittelpunkt der öffentlichen Debatte: Überall auf der Welt helfen Menschen oft ohne angemessene persönliche Schutzausrüstung im Kampf gegen Covid-19. Dabei geraten die Zehntausende Wanderarbeiter*innen oft aus unserem Blickfeld, die die steigende Produktion von medizinischer Schutzausrüstung sicherstellen – oft selbst ohne angemessenen Schutz, teils unter Zwang.

Zwangsarbeit durch Corona: Handschuhproduktion in Malaysia

Ein besonders drastisches Beispiel für Pandemiebekämpfung auf Kosten von Arbeiter*innen ist die Handschuhproduktion in Malaysia. 65 Prozent der medizinischen Handschuhe weltweit kommen von dort. Eine systemrelevante Produktion. Die Entlohnung der mehr als 30 000 Arbeiter*innen in der Industrie ist jedoch nach wie vor so gering, dass sie vielen internationalen Definitionen von Zwangsarbeit entspricht.

Anna Cavazzini ist handelspolitische Sprecherin der Grünen im Europaparlament.

Oft zahlen Wanderarbeiter*innen – die aus Ländern wie Bangladesch oder Nepal stammen – bis zu 5000 Dollar für die Übersiedlung nach Malaysia und die Einstellung in ihre schmutzigen und gefährlichen Jobs. Der Zwang zur Rückzahlung führt zu moderner Sklaverei. Die Corona-Pandemie erhöht nun den Druck und somit die Arbeitszeiten weiter.

Corona-Krise: Lobbyisten setzen Produktion über Menschenleben

So vertraute uns ein Handschuharbeiter an, dass er wegen seiner langen Arbeitszeiten um sein Leben fürchte, aber aufgrund der finanziellen Not seiner Familie arbeiten müsse. Parallel lobbyierten die Handschuhhersteller*innen erfolgreich für eine Lockerung der Infektionsschutzmaßnahmen in Malaysia, um die Produktion hochzufahren.

Die internationale Gemeinschaft schaut weg. Die USA hatten im Herbst des vergangenen Jahres Sanktionen gegen einen malaysischen Handschuhhersteller verhängt, der der Zwangsarbeit verdächtigt wurde. Im März dieses Jahres behaupteten die US-amerikanischen Behörden plötzlich, die Arbeiter*innen würden nicht mehr ausgebeutet, und nahmen die Sanktionen zurück.

Steigende Nachfrage bewirkt Zwangsarbeit in der Corona-Krise

Auch die EU hat den Kampf gegen die Ausbeutung der Arbeiter*innen offensichtlich nicht mehr priorisiert – im Gegenteil. Die Leiterin der EU-Delegation in Malaysia übte Druck auf die malaysischen Handschuhhersteller aus, um die steigende Nachfrage der EU zu befriedigen.

Andy Hall ist ein unabhängiger britischer Spezialist für die Rechte von Wanderarbeitnehmern.

Die zweifelsohne notwendige Produktion von Handschuhen darf aber nicht das Leben der Arbeiter*innen aufs Spiel setzen. Viele Handschuharbeiter*innen haben sich daran gewöhnt, jahrelang in beengten, unhygienischen Schlafsälen mit bis zu 30 oder 40 Personen zu leben. Aber nun sind sie auch dort einem erhöhten Risiko ausgesetzt, sich anzustecken.

Corona-Krise offenbart Schattenseiten der Globalisierung

Die Covid-19-Krise offenbart erneut die Schattenseiten der globalen Arbeitsteilung und zeigt, wie dringend Maßnahmen zum Schutz von Menschenrechten in der globalen Wirtschaft sind.

Erstens müssen die weltweite medizinische Zulieferindustrie und die Regierungen, die Handschuhe kaufen, ihren Einfluss geltend machen. Sie müssen von den Herstellern verlangen – und sie dabei unterstützen -, die Gesundheits- und Sicherheitsnormen zum Schutz vor Covid-19 einzuhalten – in Fabrik und Unterkünften. Globale, profitorientierte Unternehmen und staatliche Aufsichtsbehörden sollten sich hierbei die Kosten teilen, die durch die Inspektionen und die strengere Aufsicht entstehen.

Hilfe in der Corona-Krise: Prämien für Arbeitskräfte

Zweitens sollten Unternehmen systemrelevanten Arbeitskräften Härteprämien zahlen. Einige Firmen haben sich bereits auf diesen Weg gemacht. So hat ein führender malaysischer Handschuhhersteller ausländischen Arbeitnehmer*innen einen Lohnzuschlag von zehn Prozent gewährt und sich außerdem verpflichtet, die Zahlungen für die Einstellung der Wanderarbeiter*innen zurückzuerstatten. Beschäftigte anderer Handschuhhersteller berichten jetzt über kostenlose Lebensmittelvorräte.

Drittens braucht es ein branchenweites Programm zur Rückzahlung der immensen Einstellungsgebühren, um das Risiko von Zwangsarbeit zu minimieren. Denn gerade in der Corona-Krise brauchen die verarmten Arbeiter*innen unseren Schutz.

Moderne Sklaverei - eine Folge der Corona-Krise

Viertens schließlich könnte ein Lieferkettengesetz wie von der europäischen Kommission angekündigt dafür sorgen, dass Unternehmen hierzulande Verantwortung für ihre gesamte Lieferkette übernehmen.

Wir alle müssen standhaft zu unseren Verpflichtungen stehen, die moderne Sklaverei zu bekämpfen und ein sozial verantwortliches öffentliches Beschaffungswesen zu gewährleisten. Denn genau wie die Beschäftigten im Gesundheitswesen arbeiten auch die Handschuharbeiter*innen an vorderster Front im Kampf gegen Covid-19. Sie gehören zu den Helden und Heldinnen unserer Zeit.

Anna Cavazzini ist handelspolitische Sprecherin der Grünen im Europaparlament.

Andy Hall ist ein unabhängiger britischer Spezialist für die Rechte von Wanderarbeitnehmern.

Rubriklistenbild: © Evandro Inetti / ZUMA Wire

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