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Wie sinnvoll ist der Mundschutz-Zwang in Zeiten von Corona?

Leitartikel

Mundschutzpflicht: Autoritäre Tendenzen in der Corona-Krise

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Corona: Der allgemeine Mundschutz ist medizinisch umstritten und sorgt für weitere Nachteile. Der Leitartikel. 

Ja, gegen die Corona-Pandemie muss alles unternommen werden, was nötig ist. Sinnvoll und wirksam, sozial verträglich und demokratisch unbedenklich sollten die Maßnahmen aber auch sein. Sonst schaden sie mehr, als sie nutzen. Was trifft davon auf den Mundschutz zu?

Corona: Tragen des Mundschutzes umstritten

Medizinisch ist das allgemeine Tragen dieser Masken umstritten. Nach Ansicht der Weltgesundheitsorganisation (WHO) nutzt dies im Kampf gegen die Ausbreitung des Coronavirus nicht. Sie können den Trägern ein falsches Sicherheitsgefühl vermitteln. Andere sagen, sie müsse an der Quelle und nicht am Empfänger sein.

Dennoch will Jena dem Beispiel Österreichs folgen und wegen der Pandemie in der kommenden Woche eine Maskenpflicht in Verkaufsstellen, dem öffentlichen Nahverkehr und Gebäuden mit Publikumsverkehr einführen. Bedenklich ist bei der Ankündigung, dass eine breite Debatte ausblieb und das Wort „freiwillig“ keine Rolle mehr spielt – im Unterschied beispielsweise zur Diskussion über die Handy-App. Bedenklich ist, dass demokratische Elemente wie Mitsprache weniger wichtig werden. Da hilft der Hinweis auch kaum, man könne sich ja noch äußern. Denn wer sich jetzt Gehör verschafft, der hat die schlechteren Karten, weil er gegen eine angeblich richtige Maßnahme angeht.

Debatten in der Corona-Krise bleiben aus

Die Alpenrepublik und die thüringische Stadt verstärken also in der Corona-Krise autoritäre Tendenzen, die zunehmend die Debatte über den richtigen Weg in der Corona-Krise beherrschen. Immer mehr wird verboten, immer mehr entfernen wir uns von der Normalität vor Corona. Wo soll das enden, fragen besorgt immer mehr Menschen.

Wir sind zwar noch weit entfernt von ungarischen Verhältnissen. Doch mit welchen überzeugenden Argumenten können die anderen EU-Staaten den ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán daran hindern, die ungarische Demokratie weiter zu zerstören, wenn sie freiwillig auf immer mehr Freiheitsrechte verzichten? Und was kommt als Nächstes? Werden besonders Eifrige nun fordern, man müsse Familien strenger kontrollieren, nachdem die WHO darauf hingewiesen hat, dass nach Kontakt- und Ausgangssperren nun Menschen sich vor allem bei ihren Angehörigen anstecken?

Prinzipien werden wegen Corona ausgesetzt

Die verantwortlichen Politikerinnen und Politiker in Österreich und Jena ignorieren auch eine Lehre aus vorangegangenen Krisen. Wann immer eine besondere Situation besondere Maßnahmen erforderte, haben Politikerinnen und Politiker diese nach dem Ende einer Krise nicht wieder revidiert. Das Gefangenenlager Guantanamo ist da nur ein drastisches Beispiel, aber auf keinen Fall das einzige.

Das sollten sich all jene durch den Kopf gehen lassen, die nun verlangen, für Corona Prinzipien der westlichen Welt für eine kurze Zeit auszusetzen. Wie wäre es umgekehrt? Statt Freiheitsrechte in die Zwangspause zu schicken, könnte man sie ja einfach ernst nehmen und schützen gegen die Auswirkungen der Angstpolitik.

So wird es auch im Kampf gegen die Corona-Pandemie keine absolute Sicherheit geben. Wir werden Widersprüche und Unzulänglichkeiten ertragen und womöglich hinnehmen müssen. So wünschenswert es beispielsweise sein mag, alle Menschen zu testen, damit man weiß, wer bereits erkrankt ist, so unerreichbar ist dieses Ziel. Die Tests reichen schlicht nicht aus und müssen für jene aufgehoben werden, bei denen ein begründeter Verdacht vorliegt.

Masken und Mundschutz sind Mangelware

Wem all dieses zu abgehoben erscheint und gemessen an einem Mundschutz zudem übertrieben, der sollte Folgendes nicht vergessen: Es gibt derzeit nicht genügend Masken. Ärztinnen und Ärzte, Pflegerinnen und Pfleger beklagen, nicht ausreichend von ihnen zu haben – nicht nur in Deutschland, auch in vielen anderen Ländern. Wird der Mundschutz Pflicht, werden die Masken noch mehr zur Mangelware. Denn nicht alle werden einfach auf Schals oder selbst gebastelte Masken ausweichen.

Außerdem wird es ganz sicher Hamsterkäufe geben. Immer da, wo Schutzmasken auftauchen, wird es Leute geben, die unbedingt ihre Vorräte auffüllen müssen. All jene werden leer ausgehen, die nicht schnell genug waren oder es aus welchem Grund auch immer nicht geschafft haben, Masken zu ergattern – ähnlich übrigens wie beim Toilettenpapier.

Zu guter Letzt gibt es bereits Maßnahmen, die vielfach eingesetzt werden. In viele Supermärkte dürfen nicht mehr alle rein, sondern nur noch eine begrenzte Zahl von Kundinnen und Kunden. Vielleicht sollten die Österreicher es mal damit probieren, bevor sie aktionistisch neue Verordnungen erfinden. In Jena könnten Trennscheiben wie in Lebensmittelläden die Beschäftigten der Stadt schützen.

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