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Der "Zombie Walk" in Tel Aviv ist Teil des Purim.

Kolumne

Clowns und Zebras auf den Straßen

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Das jüdische Fest Purim wird nirgends so gefeiert wie in Israel. Dort ist das Leben geprägt durch die Normalität in der Ausnahmesituation.

Purim ist lustig. An Purim verkleiden sich die Juden. Purim ist eines jener jüdischen Feste, die das Überleben feiern. Es war damals in Persien: Der Schuft Haman wollte uns alle umbringen, heißt es. Königin Esther und ihr Onkel Mordechai konnten es verhindern. Darauf lasst uns einen trinken. Und noch einen. Lasst uns einfach so lange trinken, bis wir den Bösewicht und den Retter nicht mehr auseinanderhalten können. Purim irgendwo auf der Welt zu feiern ist großartig, es in Israel zu erleben, ein ganz besonderes Vergnügen.

In der Zeit von Purim tragen die Leute auch dann Kostüme, wenn sie ihren Alltaggeschäften nachgehen. Geschäftsleute eilen die Straße entlang, telefonieren wichtig, die Aktentasche schwingend und haben dabei rosa Hasenohren auf dem Kopf.

Die Kellnerin holt Wechselgeld, schlängelt sich an den engstehenden Tischen vorbei und balanciert dabei geschickt den Schwanz ihres Zebrakostüms, damit keines der Salzfässchen vom Tisch gewedelt wird.

Eine Lehrerin mahnt ihre Kinder lautstark zur Vorsicht, so wie sie es immer tut, doch sie tut es im Clownskostüm mit einem riesigen roten Klecks auf der Nase.

Wenn abends die Partys beginnen, versammeln sich die Clowns und Zebras, die Hasen, die männlichen Cheerleader auf der Straße. Zwei Käfer mit riesigen Fühlern sitzen auf der Bank und essen schnell noch etwas.

Zur Normalität gehört auch Ironie: viele gehen als Wahlhelfer von Netanjahu oder als orthodoxe Juden. Es waren auch einige Gelbwesten zu sehen. Die Normalität in der Ausnahmesituation symbolisiert auch das Leben in Israel.

Kaum ein anderes Land hat eine so bewegte Geschichte und Gegenwart. Dicht beieinander und parallel liegen hier die großen Konfliktlinien unserer Zeit. Vielfältig, gleichzeitig, gelassen und atemlos – Israel ist das Land des Überlebens, der Widersprüchlichkeit, der pragmatischen Möglichkeiten.

Israel ist Orient und Occident zugleich. Und Israel bleibt trotzdem eine starke Demokratie. Undenkbar, dass Deutschland eine vergleichbare Lage und Situation aushalten würde, ohne dass die Demokratie zusammenbräche.

Doch statt dies zu bewundern und anzuerkennen, bleibt der deutsche Blick auf Israel belastet und getrübt von der Shoa. Dieser Blick nimmt übel. Ein großer Teil der Deutschen kann Israel nicht verzeihen. Israel – das ist die größte Projektionsfläche der Welt. Gerade für viele Deutsche.

Hier laufen die Filme über Schuld, Wut und den scheinbar unausrottbaren Antisemitismus. Vielleicht gehört dazu auch die Tatsache, dass Israel dem Holocaust eine so quicklebendige Realität entgegenzusetzen. So vielschichtig und real wie Israel ist, so eindimensional, desinteressiert und grob sind viele Perspektiven von deutscher Seite.

In der Geschichte von Purim gibt es eindeutig Gut und Böse. Doch auf den Straßen machen sich die jungen Leute über alles lustig. So soll es sein. Auch die Unreligiösen nehmen das religiöse Gebot an Purim zu trinken, gerne an. Damit sich die Schatten auflösen, die Gut und Böse trennen. So wie im wirklichen Leben.

Wer Israel wirklich verstehen will, wer echtes Interesse hat am komplexen Zusammenleben von Juden und Arabern in dieser Ecke der Welt, der sollte ganz genau hinschauen. Und wenigstens einmal an Purim als Zebra seinen Job machen. Und versuchen, dabei nicht zu lachen.

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