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Fußballfunktionär Clemens Tönnies offenbarte am Wochenende sein Bild von „den Afrikanern“.

Fall Tönnies

Rassismus im Fußball: Am Ball gegen rechts

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Wenn ein Funktionär wie Clemens Tönnies über Afrikaner lästert, ist das kein Einzelfall. Aber der Fußball hat begonnen, sich gegen Rassismus zu wehren. Der Leitartikel.

Es war eine verstörende Tonalität, die der Fußballfunktionär Clemens Tönnies vor Wochenfrist wählte, als er sich unter seinesgleichen wähnte. Der Patron des Fußball-Bundesligisten Schalke 04, hauptberuflich Großmetzger, hobbymäßig Großwildjäger, stellte der geschätzten Kollegenschaft beim „Tag des Handwerks“ in Paderborn seine eigentümliche Art der Entwicklungshilfe auf dem afrikanischen Kontinent vor.

Der schlicht gestrickte Tönnies-Masterplan sieht die Finanzierung zum Bau von jährlich 20 Kraftwerken vor, mit, so der mehrfache Milliardär, weitreichend angenehmen Folgen: „Dann würden die Afrikaner aufhören, Bäume zu fällen, und sie hören auf, wenn’s dunkel ist, Kinder zu produzieren.“ Bei ein wenig mehr Licht betrachtet, präsentierte der 63-Jährige dabei vor allem sein koloniales Gemüt.

Das Wochenende war kaum vorüber, als weitere Episoden bekanntwurden, die den Profifußball in eine Ecke stellen, in der er sich wenig wohlfühlt: Drittligist FC Chemnitz feuert Kapitän Daniel Frahn wegen dessen Nähe zur rechten Hooliganszene, Vizemeister Borussia Dortmund deckelt die Ex-Profis Norbert Dickel und Patrick Owomoyela wegen verbaler Entgleisungen im vereinseigenen TV-Sender. Der eine hatte Italiener als „Itaker“ bezeichnet, der andere die Stakkatosprache Adolf Hitlers imitiert.

Wo hört die Dummheit auf, wo fängt der Rassismus an?

Wo hört in einem gesellschaftlichen Klima, in dem Rechtspopulisten auch auf den Stadiontribünen erstarken, die Dummheit auf, und wo fängt der Rassismus an? Einzelne Ausfälle bündeln sich zu ganzen Sträußen. Im medial bis in die hinterste Ecke ausgeleuchteten Profifußball sorgt eine kritische Öffentlichkeit glücklicherweise regelmäßig dafür, dass diejenigen, die eine rassistische, ausländerfeindliche, sexistische oder homophobe Gesinnung offenbaren, nicht nur virtuellen Beifall von ihresgleichen bekommen, sondern vor allem auch sozial geächtet werden.

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Das war lange Zeit anders. Rassistische Äußerungen, Affenlaute gegen und gezielte Bananenwürfe auf dunkelhäutige Spieler gingen als Bagatelldelikt durch. Vereine und Fans kümmerten sich wenig oder fürchteten die verbale und physische Macht der Szene.

Die Furcht ist noch da, besonders in Cottbus und Chemnitz, wo radikalisierte rechte Netzwerke mittels professionalisierter Gewalt machtvoll und besonders einschüchternd agieren. Aber der Mut und die Masse, dagegenzuhalten, sind mancherorts größer geworden.

Der Chemnitzer FC hat im Fall Frahn beispielgebend reagiert. Das tat Mitte März auch ein Blogger, der in sozialen Netzwerken ein Video veröffentlichte, in dem er über verbale Ausfälle von drei Männern gegen die deutschen Nationalspieler Leroy Sané und Ilkay Gündogan während eines Länderspiels in Wolfsburg berichtete. Es folgte vieltausendfache Unterstützung im Netz. Im realen Leben hatten umsitzende Stadionbesucher lieber den Mund gehalten. Auch das gehört, leider, zur dunklen Seite der Wahrheit.

Dass allzu viele Kollegen den Mund gehalten und ihn nicht öffentlich unterstützt hätten, beklagte seinerzeit auch Peter Fischer, der Präsident von Eintracht Frankfurt, nachdem er kundgetan hatte, er wolle keine AfD-Wähler als Mitglieder in seinem Verein. Vielen Ligakollegen erschien die Art der Ausgrenzung zu rigoros und schlicht praktisch nicht durchsetzbar, Aber die Front der Bundesligisten, die im Kern bei Fischers Kampf gegen rechts dabei sind, ist breit aufgestellt. Die Forderung des Leipziger Managers Ralf Rangnick, der Fußball möge „eine unpolitische Rolle einnehmen“, ist bei weitem nicht mehrheitsfähig, und das ist gut so.

Gesellschaftliche Risse vermag der Fußball schwerlich zu kitten

Kaum ein Verein, der nicht mit einer liberalen Ultraszene paktiert und nicht entsprechende Projekte unterstützt. Der DFB verleiht alljährlich Integrationspreise. Er hat im schwulen Ex-Nationalspieler Thomas Hitzlsperger ebenso einen überzeugenden Botschafter für Fragen und Antworten der Antidiskriminierung gefunden wie im gebürtigen Brasilianer und deutschen WM-Teilnehmer Cacau als Integrationsbeauftragtem.

Und doch: Gesellschaftliche Risse vermag der Fußball schwerlich zu kitten, er schafft es meist nur, sie abzubilden. Der Fall Mesut Özil legte dies besonders schmerzhaft für den Deutschen Fußball-Bund und seine Vorzeigemannschaft offen. Der Plan, dass bei der WM 2018 in Russland sportliche Erfolge als Klebstoff sowohl dem gesellschaftlichen Zusammenhalt als auch dem Teamspirit dienen, misslang gründlich. Hinterher wurde Özil von eigenen Fans derb beschimpft, ohne dass der Verband angemessen deutlich dagegengehalten hätte.

Derweil hat der Weltverband Fifa zur neuen Saison die Strafen bei wiederholten rassistischen Ausfällen von Fans oder Spielern bis hin zu Wettbewerbausschlüssen ganzer Klubs verschärft. Dass Verbände, Klubs und Fanorganisationen der rechten Szene nicht mit Gleichgültigkeit oder Ignoranz begegnen, erscheint mehr denn je dringend notwendig.

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Glaubwürdig können sie dabei aber nur agieren, wenn ihre prominentesten Vertreter die Messlatte gesellschaftlicher Minimalverantwortung nicht derart derb reißen wie der Schalker Aufsichtsratschef Clemens Tönnies.

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Bakery Jatta ist ein Musterbeispiel für gelungene Integration, er kam mittellos, wurde freundlich aufgenommen und unterstützt. Und selbst wenn er nicht 21 wäre, sondern schon 23 – wäre der Betrug so fundamental, dass er seine Aufenthaltsberechtigung verwirkt hätte? Ein Kommentar.

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