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Die Liberalen scheinen sich verrannt zu haben.

Kolumne

Dr. Christian Lindners Wurmfortsatz

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Der Vorsitzende der FDP ist bekanntlich ein Vollprofi. Nicht nur beim Klima, sondern auch beim Zerstückeln des Grundgesetzes.

Im Jahr der frohen Kolumne, die ja auch das Jahr der Greta Thunberg ist, gibt es nun auch von meiner Seite einen guten Vorschlag für das Weltklima. Der Vorschlag lautet: Einfach nicht mehr am Leben sein.

Mit deutlich weniger Menschen wird sofort Wasser gespart, der Feinstaub in der Luft verflüchtigt sich und weniger Plastik gelangt in die Nahrungskette. Weg mit der kleinen Prise Leben, auf die es – seien wir ehrlich – im Großen und Ganzen des Universums wirklich nicht ankommt. Ohne uns wäre die Welt ein besserer Ort, allerdings würde es keiner bemerken, was auch wieder nicht geht.

Ich weiß: Die Radikalität des Ansatzes wird viele erschrecken, aber einige Gedanken müssen konsequent an ihr Ende gedacht werden. Der Vorschlag einer bayerischen Lehrerin, wegen des Klimas keine Kinder mehr zu bekommen, erschien mir immer halbherzig. Warum sollten unsere potenziellen Nachfahren mit dem Nicht-Leben bestraft werden für die Probleme, die wir verursacht haben? So gesehen hat die FDP doch recht, wenn sie sagt, Klimapolitik solle man den Profis überlassen.

Auf der anderen Seite sieht die FDP plötzlich wieder alt aus, wo sie doch gerade mit jugendlicher Christian-Lindner-Frische punkten konnte, dem Duftbaum unter den Politikern. Schülern zu sagen, sie sollten gefälligst zur Schule gehen und sich aus der Politik heraushalten, stinkt derartig faul nach Alter-Sack-Rhetorik, dass eine ganze Dose Fichtennadelspray nicht ausreicht, um den Mief zu vertreiben.

Die Liberalen scheinen sich verrannt zu haben, seit sie bei den Koalitionsverhandlungen vor zwei Jahren ausgestiegen sind mit der Begründung, es sei besser, nicht zu regieren, als falsch zu regieren, was schon damals gefährlich nach Schönwetterkapitän klang: Ich übernehme das Steuer, aber nur bei ruhiger See. Seitdem nimmt sie niemand mehr richtig ernst.

Vielleicht müssen sie darum so weit um sich schlagen, wie sie es im Moment tun. Aber gleich Teile des Grundgesetzes als Wurmfortsatz zu bezeichnen, geht doch ein bisschen weit, gerade bei Artikel 14 und 15: Eigentum verpflichtet; Grund und Boden, Naturschätze und Produktionsmittel können zum Zweck der Vergesellschaftung in Gemeineigentum überführt werden.

Sofort fragt man sich, welche Organe die Liberalen den anderen Artikeln zuordnen: die Lunge dem Artikel 4 (Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit der Freizügigkeit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich), die Leber dem Artikel 3 (Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich)? Und was passiert, wenn Dr. Lindner das Skalpell zückt für eine Organtransplantation?

Nun kann man sagen: Waren alles Kommunisten, die das Grundgesetz geschrieben haben. Man kann aber auch sagen, dass sie aus der Geschichte gelernt haben: Zu viel Macht in einer Hand ist nicht gut – weder politische Macht noch wirtschaftliche Macht.

Wenn eine Seite der anderen diktieren kann, was sie zu tun hat, wie und wo und unter welchen Bedingungen sie zu leben hat, nur weil sie reicher ist und über mehr Mittel verfügt, dann nimmt die Gesellschaft Schaden.

Artikel 14 und Artikel 15 sind Notbremsen – und wann sie gezogen werden, entscheidet immer noch die Allgemeinheit und nicht der freie Markt. Wer es anders sieht, wird ab sofort jeden Morgen von Greta Thunberg geweckt, und zwar durch ein paar Schläge mit unserer schönen Verfassung. Hardcover natürlich.

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