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Demonstranten halten bei einer Kundgebung gegen das von der Regierung geplante Auslieferungsgesetz Banner und Plakate hoch

Leitartikel

Der Kampf um Hongkong beeinflusst die Zukunft Chinas – und die Zukunft der Welt

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In Hongkong, Moskau und Istanbul wächst der Widerstand gegen Autokraten. Das Engagement von vielen dort zeigt: Der Ruf nach Freiheit lässt sich auf Dauer nicht wegknüppeln.

Tausende setzten sich am Mittwoch mitten auf die Straßen Hongkongs und klappten bunte Regenschirme auf. Der Massenprotest hatte nicht nur eine symbolische Wirkung: Weil die Wege zum „Gesetzgebenden Rat“ blockiert waren, musste die von Peking eingesetzte Provinzverwalterin Carrie Lam die Verabschiedung des heiß umstrittenen Auslieferungsgesetzes vorläufig abblasen. Was ist das? Der Etappensieg einer neuen chinesischen Freiheitsbewegung?

Klar ist bislang nur eins: In China beginnt, 30 Jahre nach den Protesten auf dem Platz des Himmlischen Friedens, eine neue politische, philosophische und kulturelle Machtprobe. Es geht um mehr als das Kleingedruckte in den Übergangsregelungen der früheren britischen Kronkolonie. Der Kampf um Hongkong beeinflusst die Zukunft Chinas – und die Zukunft der Welt.

Eben noch posierte Präsident Xi Jinping auf der internationalen Bühne als der inzwischen stärkste aller starken Männer dieser Welt. Xi erschien als der Führer mit dem stärksten ökonomischen Potenzial und der klarsten politischen Strategie.

Schwer kontrollierbare Vibrationen

Sogar im Westen kamen manche schon ins Grübeln, ob der chinesische Mix aus Ein-Parteien-Diktatur und Turbokapitalismus nicht vielleicht sogar das im Grunde beste aller denkbaren Systeme sei, so wunderbar berechenbar und effizient, ein Standortvorteil ganz eigener Art.

Doch der Ruf der Menschen nach Freiheit, das ewige Problem der Autokraten, lässt sich auf Dauer nicht wegknüppeln, schon gar nicht in den weltweit vernetzten Metropolen des 21. Jahrhunderts. In China bewirkt Hongkong, in der Türkei bewirkt Istanbul schwer kontrollierbare Vibrationen: Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan muss bei der Wiederholung der Bürgermeisterwahl am 23. Juni eine Niederlage seiner Partei fürchten.

Auch der Freiheitswille der Menschen in Istanbul wurde unterschätzt. Ein interessantes Zeichen ist die jüngste Welle von Urlaubsstornierungen. Viele Istanbuler brechen normalerweise rund um den 23. Juni in die Ferien auf, diesmal aber verschoben viele ihre Reise, um am Tag der Wahl in der Stadt bleiben zu können.

Hotels in türkischen Ferienregionen, so wird berichtet, verzichteten bereitwillig auf Stornozahlungen, Reisebüros halfen bei der Verlegung von Flügen. Die Stadtverwaltung des Badeorts Bodrum, wo Erdogan-Kritiker regieren, gab gar eine Unwetterwarnung heraus: „Liebe Istanbuler, für den 23. Juni ist schwerer Schneefall vorhergesagt, alle unsere Strände werden geschlossen sein, wir empfehlen euch, an diesem Tag die Sonne in Istanbul zu genießen.“ So formiert sich, teils ironisch, teils zunehmend frech, der neue Widerstand in der Türkei.

Was will und wohin will Wladimir Putin?

Die Autokraten kämpfen mit nicht enden wollenden Problemen – genießen aber keinerlei Ewigkeitsgarantie für sich selbst und ihr Regime. Das spürt zunehmend auch der russische Präsident. In Moskau läuft derzeit ein Verwirrspiel rund um immer neue Festnahmen und Freilassungen von Regimekritikern. Viele Russen fragen sich: Was will und wohin will Wladimir Putin?

Die einzige wirklich greifbare Konstante liegt in zwei Abwärtskurven: Das Vertrauen der Russen zu Putin sinkt seit vielen Jahren stetig, parallel zu den Realeinkommen. Eigentlich wäre dies eine gute Zeit für eine Neubesinnung auf die Kraft der Freiheit als Faktor für positive weltweite Veränderungen. Mit einem US-Präsidenten Donald Trump freilich, der Xi, Putin und Erdogan als starke Führer lobt und Säbeltänze im saudischen Herrscherhaus hinlegt, ist da leider nichts zu machen.

Zu denen aber, die den möglichen Anbruch neuer Zeiten spüren, gehört der demokratische US-Präsidentschaftsbewerber Pete Buttigieg. Der 37-Jährige, der immer häufiger mit dem ehemaligen US-Präsidenten John F. Kennedy verglichen wird, stellte jüngst in einer engagierten außenpolitischen Grundsatzrede nicht nur die Rückkehr der USA zum Pariser Klimaschutzabkommen in Aussicht. Er beschrieb auch sein Ziel, den Trend in Richtung autoritärer Regime weltweit „umzudrehen“. Ein Sieg von Buttigieg im US-Wahlkampf 2020 wäre eine schlechte Nachricht für Autokraten rund um den Globus.

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