Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

China bereitet sich auf das Jahr der Schlange vor.
+
China bereitet sich auf das Jahr der Schlange vor.

Leitartikel

Chinas Grenzen des Wachstums

  • VonBernhard Bartsch
    schließen

Das Jahr des Drachen war für China ein Jahr der Desillusionierungen. Die Ernüchterung zeigt sich in wachsender Kritik an schlechter Luft, giftigen Lebensmitteln und Korruption.

In China kursiert derzeit eine Scherzfrage: Angenommen chinesische Eltern hätten für ihr Baby nur die Wahl zwischen Milchpulver aus China oder Japan, welches würden sie nehmen? Die Pointe besteht darin, dass sie den Antwortenden zwingt, entweder gegen die politische Korrektheit zu verstoßen oder gegen den gesunden Menschenverstand. Zwar ist es in China allgemein üblich, die Japaner als historische Erbfeinde zu verteufeln. Doch wenn es um die Gesundheit des eigenen Kindes geht, hört der Patriotismus auf. Besser als chinesisches Milchpulver ist das japanische bestimmt, glauben die Chinesen, Fukushima hin oder her.

Der schwarze Humor ist typisch für Chinas aktuelle Gemütslage. Wenn die Chinesen an diesem Wochenende ihr traditionelles Neujahrsfest feiern, endet mit dem Jahr des Drachens auch ein Jahr der Desillusionierungen. Zwar hütet sich die Kommunistische Partei, unabhängige repräsentative Meinungsumfragen zu erlauben. Doch die Stimmung in Medien, Internetforen und persönlichen Gesprächen lässt kaum Zweifel, dass die Chinesen so düster in die Zukunft blicken wie seit langem nicht mehr. Die Ernüchterung zeigt sich in immer lebhafteren und wütenderen Diskussionen über unsichere Lebensmittel, schlechte Luft, sinkende Jobchancen und staatliche Misswirtschaft. Das Vertrauen, dass sich China auf dem richtigen Weg befindet, ist dahin.

Vertrauen in einheimische Lebensmittel sinkt

Es ist eine Desillusionierung mit Ansage. Seit Jahren warnen Experten in und außerhalb der Regierung, dass Chinas Boomphase zu Ende geht. Zwar klingen die Wachstumszahlen noch immer beeindruckend, vor allem in westlichen Ohren: 2012 expandierte die chinesische Wirtschaft um 7,8 Prozent. Doch nicht nur die Zahlen selbst sind umstritten, sondern vor allem die Frage, wie gesund das Wachstum ist und wer davon profitiert. Die Zeiten, in denen die überwiegende Mehrheit der Chinesen das Gefühl hatte, ihr Leben habe sich in den vergangenen Jahren verbessert und werde dies auch weiterhin tun, sind vorbei. Gleichzeitig merken sie, dass materieller Fortschritt allein nicht glücklich macht.

Damit driftet die öffentliche Meinung langsam aber sicher in Richtung jener Frage, welche die Pekinger Führung mehr fürchtet als jede andere: die Systemfrage. Direkte Angriffe auf die Ein-Partei-Herrschaft wissen Zensoren und Propagandisten zwar noch immer effektiv abzufedern. Doch in vielen Bereichen des täglichen Lebens sind die Missstände so groß geworden, dass die Chinesen sich grundsätzlichere Gedanken machen. Galt nicht einmal die Devise, dass China die Ziele, die es sich setzt, auch erreichen kann? Warum tut es das dann nicht.

Beispiel Lebensmittel: Das Vertrauen in einheimisches Milchpulver und andere Nahrungsmittel sinkt. Das liegt nicht übermäßig kritischer Berichterstattung in den Staatsmedien. Doch die bekanntgewordenen Skandale der vergangenen Jahre und ein intuitives Verständnis für Chinas Strukturen reichen als Warnsignale aus und entkräften alle die Beteuerungen der Regierung, das Problem mit besseren Kontrollen zu lösen. So haben Grauimporte von Milchpulver aus Hongkong zuletzt so rapide zugenommen, dass der Handel nun radikal beschränkt werden muss, damit für Hongkonger Babys noch etwas übrig bleibt.

Beispiel Luftverschmutzung: Der jüngste Rekordsmog in Peking und anderen Großstädten zeigt, dass die Umweltpolitik den Problemen nicht gewachsen ist. Zwar trumpft China mit Rekordinvestitionen in erneuerbare Energien auf, doch die Bevölkerung ist davon immer weniger zu beeindrucken und vertraut bei den Schadstoffwerten inzwischen lieber den Messungen der US-Botschaft als den Angaben der eigenen Behörden.

Beispiel Korruption: 2012 erregte der Skandal um Chongqings gestürzten Parteichef Bo Xilai die Öffentlichkeit. Wirklich überrascht hat er aber nur wenige. Chinesen haben kaum noch Illusionen über die Sauberkeit ihrer Politiker. Im Alltag macht schließlich fast jeder die Erfahrung, dass Beziehungen und Bestechung in China mächtiger sind als alle Gesetze.

Jahr der Schlange

Die Partei ist sich schmerzlich bewusst, welche Gefahr der Vertrauensverlust für sie bedeutet. Die neue Führung um Staats- und Parteichef Xi Jinping, die im März endgültig die Macht übernimmt, sendet deshalb Signale, die Hoffnung machen: Sie verspricht neue Reformen, eine gleichmäßigere Einkommensverteilung, einen gestärkten Rechtsstaat und ein umweltfreundlicheres Wirtschaftsmodell. Allerdings hat die Vorgängerregierung schon mit den gleichen Parolen um Vertrauen geworben. Und die Vorvorgängerregierung.

Chinas neues Jahr steht im Zeichen der Schlange, die auch als kleiner Drachen gilt. Zwar ist sie weniger mächtig als ihr fabelhafter Verwandter, dafür aber schlauer. Das wäre ein gutes Leitbild, für China und den Rest der Welt. Denn eines ist klar: Ein China, das an seinen Herausforderungen scheitert und in seinen Problemen versinkt, ist das letzte, was die internationale Gemeinschaft gebrauchen kann.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare