Coronavirus

China ist kein Vorbild

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Gegen Corona hilft kein Diktator. Die Gegenmittel sind Wahrheit, Aufklärung und Eigenverantwortung. Der Leitartikel.

Chinas Staatsfernsehen inszenierte soeben die Botschaft eines kolossalen Triumphs. Seht her, hier steht, mitten in Wuhan, dem Epizentrum der weltweiten Corona-Krise, unser ebenso mächtiger wie erfolgreicher Staatspräsident: Xi Jinping, Bezwinger des Virus. Irritiert blicken viele Europäer nach Asien. Zeigt China uns allen vielleicht in der Tat den besseren Weg? Brauchen auch wir einen starken Mann? Einen, der mit einem Wink Millionenstädte absperren, massenhaft private Daten auslesen und neue Großkliniken binnen weniger Tage bauen lässt?

Die One-Man-Show aus China beruht auf einer optischen Täuschung. Während am Ursprungsort der Epidemie die Fallzahlen schon wieder sinken, baut sich die Infektionswelle in Europa erst auf – und lässt naturgemäß auch die Nervosität steigen.

Eine Überlegenheit des chinesischen Systems aber lässt sich aus dem Geschehen der vergangenen Monate nicht ablesen. Im Gegenteil. Dem Rest der Welt hätte die Pandemie vielleicht komplett erspart werden können, wenn China nicht im Dezember 2019 so jämmerlich versagt hätte.

Damals stellte der Arzt Li Wenliang in Wuhan das erstmalige Auftreten des neuen Virus fest und wollte davor in sozialen Netzwerken warnen. Prompt wurde er nachts von Beamten abgeholt und musste auf der Polizeistation unterschreiben, dass er sofort mit der „Verbreitung von Gerüchten“ aufhört. So vergingen in der Corona-Krise die für jede Seuchenbekämpfung schicksalhaften ersten Tage und Wochen.

China ist anfangs nicht gegen den Erreger vorgegangen, sondern gegen jene, die über ihn öffentlich sprechen wollten. Diese Vorgeschichte sollte es den chinesischen Führern eigentlich verbieten, jetzt vor dem Rest der Welt irgendeine Siegerpose einzunehmen. Und sie sollte die westliche Welt ermutigen, ihre Freiheit hochzuhalten. Freiheit ist, wie das Beispiel zeigt, kein entbehrlicher feuilletonistischer Schnörkel. Sie ist etwas Elementares, sie schafft sogar Sicherheit – schon weil sie hilft, Risiken aller Art sofort zu beleuchten.

Gegen Corona hilft kein Diktator. Schon im Mittelalter waren es lügende Herrscher, unwissende Untertanen und dumpfe Masseninstinkte, die die Effekte der Pest noch verstärkten. Die Gegenmittel sind: Wahrheit, Aufklärung, Eigenverantwortung – und zwar auf allen Ebenen.

Gesellschaften, die jetzt auf jede Frage eine zentralstaatliche Durchsage abwarten, am besten von einem starken Mann mit einem Megaphon in der Hand, haben schon verloren. Natürlich braucht ein Land wie Deutschland bundesweite Richtlinien. Aber es ist gut, wenn Einzelfallentscheidungen immer noch in den Regionen getroffen werden können. So spricht wenig dagegen, eine Ansammlung von 1000 Schülern in einem virenarmen Gebiet zuzulassen, aber eine Zusammenkunft von 500 Senioren in einer virenbelasteten Zone zu verbieten.

Oft gibt es Debatten darüber, ob die Bundeskanzlerin oder der Bundesgesundheitsminister in der Corona-Krise eine gute Figur macht. Solche Betrachtungen führen in bedenklicher Weise in die Nähe von Chinas One-Man-Show. Deutschland braucht gerade jetzt keine populistischen Gesten. Es ist gut, wenn hier, anders als etwa in Italien oder in den USA, der Kampf gegen die Corona-Krise aus dem Parteienstreit herausgehalten werden kann. Und es ist auch gut, wenn die Vorteile erkannt werden, die in der Eigenstaatlichkeit der deutschen Bundesländer liegen.

Virenabwehr wird immer entweder dezentral funktionieren oder gar nicht. Ein gutes Beispiel haben die bayerischen Behörden gesetzt, denen es Ende Januar im sogenannten Webasto-Fall gelungen war, alle Infizierten zu isolieren und alle Infektionsketten zu überprüfen.

Weniger denn je aber dürfen die Bürger jetzt nur auf die Behörden zeigen und Noten verteilen. Sehr viel wird in den kommenden Monaten davon abhängen, ob die Menschen von sich aus zu einem klugen Miteinander in der Krise finden. Mit Repression wird keine Regierung der Welt das hinbekommen. Es geht nur mit echtem Vertrauen zwischen Regierenden und Regierten.

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