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Die Chinesische Nationalflagge vor einer Kirche.

Leitartikel

China first

  • vonFabian Kretschmer
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Peking will nicht mehr von Importen abhängig sein. Das ändert viel. Auch für deutsche Firmen. Der Leitartikel.

Für China folgt der Moment der Wahrheit: Am Montag hat die Führungselite der Kommunistischen Partei damit begonnen, den 14. Fünfjahresplan auszuarbeiten. Nun wird konkretisiert, welchen Kurs die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt künftig einschlagen wird. Auch von der internationalen Gemeinschaft werden die Signale aus Peking mit großem Interesse verfolgt, zumal sich die geopolitische Weltordnung im Corona-Jahr in einem tiefgreifenden Umbruch befindet.

Auch wenn die konkreten Ergebnisse frühestens am Donnerstag durchsickern werden, scheint die Stoßrichtung bereits klar: Die Volksrepublik möchte sich unabhängiger vom Rest der Welt machen, ihre Wirtschaft stärker auf den heimischen Markt von 1,4 Milliarden Menschen fokussieren.

„Duale Kreisläufe“ nennt sich das bislang vage gehaltene Schlagwort, welches Staatschef Xi Jinping kürzlich bei einer Grundsatzrede in der Sonderwirtschaftszone Shenzhen verkündet hat. Das bedeutet vor allem, dass der „externe Kreislauf“ – also internationaler Handel und Investitionen aus dem Ausland – künftig wohl eine untergeordnete Rolle spielen wird, um den immer wichtigeren „inneren Kreislauf“ zu stützen: die heimische Wirtschaft.

China ist längst mehr als die „Werkbank der Welt“ mit günstigen Arbeitskräften. Stattdessen durchläuft das Reich der Mitte derzeit eine ähnliche Transformation zu einer Dienstleistungsgesellschaft, wie es andere Staaten – wenn auch in weniger rasantem Tempo – getan haben.

Deutsche Unternehmen, die unter allen europäischen Vertretern in China nach wie vor dominieren, müssen sich auf lange Sicht wohl oder übel an neue Spielregeln gewöhnen: Niemand zweifelt daran, dass China angesichts des sich verschärfenden Handelskriegs mit den USA ernst macht mit seinen Plänen, künftig autarker in den Bereichen Technologie und Forschung zu werden.

Wenn etwa Konzerne wie Huawei und Tencent keine Computerchips und Halbleiter aus Amerika mehr kaufen dürfen, so setzt China derzeit mit seiner staatlichen Hand sämtliche Hebel in Bewegung, um diese künftig selber herstellen zu können.

Schon heute ziehen einige chinesische Firmen gleichauf mit der deutschen Konkurrenz. Zwar erzielen Audi und Daimler nach wie vor Rekordgewinne im Reich der Mitte, doch bei der künftigen Generation an Elektroautos brauchen sich die chinesischen Autobauer längst nicht mehr vor den internationalen Kontrahenten zu verstecken.

Schlussendlich reagiert China mit seinem Fünfjahresplan vor allem auf die Entkoppelungs-Strategie von US-Präsident Donald Trump, der mit Strafzöllen, Unterbrechungen von Lieferketten und Exportverboten die Volksrepublik in ihre wirtschaftlichen Schranken verweisen möchte.

Dieser Konflikt wird weiterhin der bestimmende der nächsten Jahre sein, auch wenn am 3. November mit Joe Biden ein diplomatischerer Präsident im Weißen Haus Platz nehmen sollte. „Wir holen schnell auf. Das macht einige Länder wie die USA nervös“, sagte Vizeaußenminister Qin Gang bei der täglichen Pressekonferenz in Peking.

Jene geopolitische Neuordnung bietet für europäische Firmen jedoch zumindest kurzfristig ungemeine Chancen. Denn wie Chinas Staatsführung stets betont, wolle es seine wirtschaftliche Öffnung für Investitionen aus dem Ausland vorantreiben und auch gegen den globalen Trend des Protektionismus vorgehen. Spezialbauteile und Expertise aus Deutschland werden also auch weiter gefragt sein.

In Peking geht man noch nicht davon aus, dass die Jahre der hohen Wachstumsraten von über sechs Prozent bereits vorbei sind. Ökonomen schätzen, dass das Reich der Mitte als einzige große Volkswirtschaft dieses Jahr mit einem deutlichen Plus abschließen wird, vor allem weil die Pandemie seit Ende März bereits bis auf wenige lokale Infektionscluster eingedämmt wurde. Künftig sind Expansionen von fünf Prozent realistisch.

Dafür braucht es allerdings wichtige Reformen, die Parteichef Xi Jinping bislang nicht angestoßen hat: Der private Konsum hinkt aufgrund der hohen Sparquote und zu niedrigem Einkommen der Bevölkerung noch immer weit hinter dem der meisten OECD-Nationen her. Zudem wird die Volkswirtschaft nach wie vor von ineffizienten, bürokratisch aufgeladenen Staatsunternehmen dominiert. Der Fünfjahresplan könnte diese Missstände nun korrigieren.

Und doch zeigt sich hier auf eindrückliche Weise, wie drastisch sich China nach wie vor von einer westlichen Wirtschaftsmacht unterscheidet: Die Tagung zur Ausarbeitung des Fünfjahresplan findet unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Einen gesellschaftlichen Diskurs hat es im Vorfeld nicht gegeben. Die 1,4 Milliarden Chinesen müssen blind auf die führenden Kader der Kommunistischen Partei vertrauen.

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